Von Martin Albrecht

Das Problem der Illegalen, derjenigen, die ohne Genehmigung aus der Ostzone in das Gebiet der Bundesrepublik überwechseln, ist im wesentlichen ein Problem der Großstädte. Sie sind die Magneten, die den Strom der Unglücklichen, vor allem aber den der Kriminellen und der Agenten, anziehen. In Norddeutschland ist ihr Ziel in 60 Fällen von 100: Hamburg. Auf etwa 25 000 bis 30 000 wird die Zahl derer geschätzt, die hier bisher als Illegale Unterschlupf gefunden haben. Und immer neue kommen hinzu ... Wer ist "illegal"? Zunächst einmal die Gruppe

derjenigen, die als frühere Angehörige der Gestapo, der SS oder der SA noch immer unter falschem Namen leben aus Furcht vor einem Verfahren wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Es werden in Hamburg etwa 50 bis 60 Personen sein, die auf diese Weise hier ein Schattendasein führen. Von ihnen soll nicht die Rede sein, sondern von den anderen: von denen, die seit dem Stichtag des 1. April 1949 in die Elbhansestadt "einsickerten", von denen, die die Länderkommission des Lagers Uelzen nicht als Flüchtlinge anerkannte oder die überhaupt unter Umgehung aller amtlichen Kontrollstellen in der Hafenstadt untergekrochen sind. Ihre Zahl würde weit höher als 30 000 sein, wenn die zuständigen Hamburger Stellen nicht durch schärfste Maßnahmen dafür gesorgt hätten, daß ein Großteil des täglichen Stroms schon vor den Toren "abgefiltert" wird. Was vor dem 1. April 1949 aus der Ostzone herüberkam, ist inzwischen durch gesetzliche Regelung "legal" geworden.

In Hamburg werden im wesentlichen vier Hauptgruppen unterschieden. Die größte ist zweifellos die der ehrlichen, ordentlichen, unglücklichen Flüchtlinge, die ihr Heil über das für die britische Zone allein zuständige Lager Uelzen suchten, dort aber in dem amtlichen Filter der Länderkommission hängenblieben. Es sind die Abgewiesenen, die die Bedingungen für den Status des "Politischen Flüchtlings" nicht erfüllten, die aber dennoch das unerträgliche Leben mit seinem ständigen Druck aus der Ostzone zum Westen trieb. Der Numerus clausus für Uelzen (100 politische Flüchtlinge je Monat) ist wie ein Haarsieb. Die Abgewiesenen sind illegal, wenn sie bleiben. Etwa 17 000 von ihnen gelang es bisher, nach Hamburg hereinzukommen. Viele sind bei Bekannten, Verwandten untergekommen. Manchen gelang es sogar, Arbeit zu erhalten. Ohne Wohnungsamt freilich und ohne Arbeitsamt. Aber sie sind gemeldet und im Besitz einer "Meldebestätigung", ohne jedoch. Aussicht zu haben, den für die britische Zone sonst notwendigen blauen Personalausweis zu erhalten. Da es sich bei ihnen zumeist um aufrichtige, gute Deutsche handelt, legt man ihnen behördlicherseits keinen unnötigen Stein in den Weg. Nur wenn einer von ihnen plötzlich brotlos wird oder durch denjenigen, der ihm bislang "zusätzlich" Unterkunft gewährte, das Dach überm Kopf verliert – dann ist es schlimm. Dann bleibt meist kein anderer Weg als der zur Ostzone zurück. Oder der, den das Treibholz wandert.

Das Treibholz, die zweite Gruppe, zu der die zuständigen Stellen in Hamburg jene zählen, die sich in den Straßen der Stadt obdach-, heimatlos herumtreiben. Es sind ungefähr 8000 an der Zahl, meist Jugendliche. Es sind im allgemeinen diejenigen, die sich weder in Uelzen noch in Hamburg ordnungsgemäß "meldeten". Es sind die, die von Stadt zu Stadt ziehen, von Land zu Land. Blutjunge Mädchen verkaufen ihre Jugendlichkeit und werfen sich fort, nur um sich ein einziges Mal satt essen oder eine Nacht unter heilem Dach schlafen zu können. Alle Hilfsmaßnahmen versagten bisher angesichts der erdrückenden Vielfalt der Not, mit der die Kirchen, die Fürsorgeeinrichtungen und die anderen Institutionen sich im täglichen Kleinkrieg abmühen.

Die dritte Gruppe aber ist die gefährlichste. Sie ist diejenige, die den Begriff der "Illegalität" mit jenem Akzent versieht, der dem Wort schon an und für sich anhaftet. Es ist die Gruppe der Kriminellen, die ihren gerechten Strafen aus dem Osten entflohen sind, Mörder, Räuber, Diebe, Strolche, die der Hafen anzieht, die Möglichkeit, aus dem Dämmer der Spelunken über den Großen Teich herüber dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu entwischen. Die sich von Raub und Diebstahl weiter zu ernähren versuchen, die aber der wachsamen Kriminalpolizei doch eines Tages in die Arme laufen. Zu dieser dritten Gruppe, die insgesamt etwa 1000 Personen zählt, gehören die nicht weniger gefährlichen Agenten und Spitzel der Ostzone, Leute, die für ihren dunklen Dienst besonders ausgebildet wurden, Mitglieder der SED oder auch Beauftragte sowjetrussischer Dienststellen. Gegen sie führt Hamburg einen "Krieg im Dunkeln". Man kennt sie größtenteils. Man läßt sie sogar gewähren, da es nichts zu verbergen gibt. Aber man tut es nur der besseren Überwachung wegen und nur bis zu einem gewissen Punkt, über den sich die zuständigen Stellen begreiflicherweise ausschweigen. Von diesem Punkt an hört die sprichwörtliche Hamburger Gastlichkeit und Großzügigkeit auf und an ihre Stelle treten die handgreiflichen Mittel der "Polizei in Zivil".

Wie man des ganzen Problems der Illegalen in Hamburg Herr werden will, weiß niemand zu sagen. Wahrscheinlich ist das Problem nur auf Bundesebene zu lösen. Diesem Satz fügen die Eingeweihten hinzu, daß der jetzige Zustand nicht mehr weiter anhalten könne ohne ernstliche Gefährdung der Sicherheit in der Bundesrepublik, in ihren Großstädten, in ihren Ländern. Schon die Tatsache, daß die anständigen Menschen in solche Illegalität getrieben werden, habe einen Zustand herbeigeführt, der dringend der Abhilfe bedürfe. Man schlägt vor, daß jene, die mehr als sechs Monate im Westen leben, hier zusätzlich Unterkunft und Arbeit gefunden haben, grundsätzlich legalisiert werden sollen. Im übrigen freilich müsse der weiteren Entblößung des deutschen Ostraums von deutschen Menschen ein wirklich "eiserner Riegel" vorgeschoben werden.