Kleine Häuser" kennzeichnen die Lage

Essen, im Januar

Die Eröffnung, des wiederaufgebauten Opernhauses in Essen spiegelt eine typische Situation der Theatersoziologie. Auf weit entlegenen Vorortbahnen hatte Essen die räumliche Not als künstlerischen Auftrag ernst genommen. Zwar wurde der Modernismus des sogenannten "Essener Stils propagandistisch übertrieben. Doch man trat während jener Behelfsperiode in Essen häufiger als anderswo für neue Werke ein und entwickelte daran für Musik- und Schauspielbühne Aufführungsmethoden, die auch auf Repertoirewerke übertragen werden sollten. Originelle und dennoch organische Lösungen erhielte der Bühnenbildner Paul Haferung, während das Schauspiel hauptsächlich durch die Verpflichtung der bedeutenden Regiepersönlichkeit G. R. Sellners Eigenprofil gewann. Ein "Stil" von universaler Anwendbarkeit wurde zwar nicht gefunden, aber auch die Einzelleistungen Essens setzten wesentliche Akzente ins westdeutsche .Theaterleben. Gleichwohl gerieten diese tugendhaften Notbühnen schließlich in einen luftleeren Raum. Das Publikum gab seinem zunehmenden Anspruch auf Komfort im Zuschauerraum fast den Nachdruck eines Besucherstreiks.

Wenn zeitverbundene Kunst von der Besuchermasse so nebensächlich angesehen wird, dann wählen sparsame Stadtvertreter angesichts der Frage "Wiederaufbau oder Neubau?" selbstverständlich die billigere Lösung. Mit 1,8 Millionen DM war das alte Opernhaus auf den Grundmauern neu zu errichten und an ein nur defektes Bühnenhaus im Werte von immer noch 2 Millionen DM wieder anzuschließen. Was die modernen Künstler für Essen planten, ein großzügiger Neubau, hätte mit 1700 Plätzen acht bis zehn Millionen DM gekostet. So begnügte man sich mit nur 800 Sitzplätzen. Das Verhältnis zwischen der Bevölkerungszahl und den riskierten Theaterplätzen ist in Essen ebenso aufschlußreich für den Schwund des Theaters als öffentlicher Institution, wie etwa im benachbarten Duisburg, wo man im ebenfalls kürzlich fertiggestellten Opernhaus-Wiederaufbau von vornherein und endgültig auf ein Viertel der früheren Sitzzahl verzichtete. Das Essener Opernhaus ist als künftiges Heim aller Spielgattungen so geworden, wie das Publikum es augenblicklich verlangt: prachtvoll und weitläufig in den Nebenräumen, den Wandelgängen, Treppenhäusern und Foyers; im Theatersaal dagegen eng, jedoch leuchtend dekoriert und – kennzeichnend für die meisten zeitgenössischen Theaterarchitekten – verteufelt ähnlich unseren Lichtspielhäusern.

Unter den "festlichen" Eröffnungsvorstellungen an erster Stelle den "Meistersingern" zu begegnen, war angesichts der dabei hervorgekehrten Entpathetisierungstendenzen ein Mißgriff zurück zur Benutzung dieses eigenwüchsigen Kunstwerks als Repräsentationsoper. Was Essen dagegen zeitweise nicht nur im westdeutschen Theaterleben bedeutet, das wurde in beglückendster Weise sichtbar am zweiten Abend, als Sellner die "Antigone" des Sophokles in der Nachdichtung Hölderlins vorführte. Der ungewöhnliche Rang dieses Regisseurs bekundete sich in Gemeinschaft mit seinem Szeniker Franz Merz durch eine Formgesinnung; die von den Ursprüngen der antiken Tragödie eine kühne Brücke schlug zum Geiste besten modernen Theaterspiels.

Johannes Jacobi

Wiesbaden, im Januar