Auch in Wiesbaden öffneten sich die Tore eines neuen Theaters. Das staatliche Schauspielhaus, das fünf Nachkriegsjahre hindurch ein Schattendasein in einem entlegenen Vereinssaal fristen mußte, und dessen Krebsgang selbst so befähigte Schauspieldirektoren und Regisseure wie Karl Heinz Stroux und Heinz Dietrich Kenter nicht aufzuhalten vermochten, hat nun in dem umgebauten Malersaal der Staatsoper ein urbanes und doch intimes Heim erhalten. Damit endet ein dramatischer Ringkampf um die Erhaltung der Sprechbühne (der vor und hinter den Kulissen über mehrere Runden zwischen Intendanz und Bürokratie erbittert ausgetragen wurde) mit einem klaren Erfolg des zielbewußten Staatsintendanten Heinrich Köhler-Helffrich, der jetzt Oper und Schauspiel unter einem Dach und in einer Hand vereint. Das neue "Kleine Haus" wurde bei der Einweihung von dem Hausherrn, als ein "Theater ohne Fassade" bezeichnet, eine Formel, die nicht nur das architektonische Prinzip, sondern auch das künstlerische Programm des neuen Kammertheaters zu umreißen sucht.

Die großzügige technische Einrichtung, die differenzierte Lichteffekte und eine zwanglose Dreiteilung der Bühne gestattet, hat bei der Premiere mit Lessings "Nathan" ihre Feuerprobe bestanden. Den Auftakt des Festaktes bildete die Uraufführung der "Symphonischen Variationen" von Heinz Werner Henze, dem vierundzwanzigjährigen Hauskomponisten des Hessischen Staatstheaters. In seinem jüngsten Werk zeigen sich nicht nur atonale, sondern, man möchte sagen, auch "atomale" Tendenzen. Doch gehört Henze zu den wenigen Neuerungen, die Aufmerksamkeit verdienen. Die Festgäste allerdings schienen von der "Musik ohne Fassade" eher bestürzt zu sein. Guenther Grothus