Versicherungs Verzögerungen – Seite 1

Es nicht etwa das Ergebnis eines sehr langatmigen Geschäftsgebarens der Versicherungen, wenn sie noch immer nicht ihre DM-Bilanzen vorlegen können. Auch die Geldinstitute und Sparkassen kommen bei den unklaren Verhältnissen nicht zu Abschluß und Neuanfang; trotz der 48 Anordnungen und Verordnungen, die dem zuständigen Paragraphen 24 des Umstellungsgesetzes bis heute gefolgt sind – die Richtlinien der Versicherungs-Aufsichtsbehörden nicht eingerechnet!

Dr. Goudefroy, wiedergewählter Vorsitzer des Vorstandes, hat am Vorabend der Hauptversammlung der "Allianz" die Hauptgründe der Verzögerung in Stichworten aufgezählt. Über jeden ließe sich ein Buch schreiben.

Drei Etappen sind zu überwinden: Reichsmark-Schlußbilanz, Umstellungsrechnung und DM-Eröffnungsbilanz. Da die Eröffnungsbilanz die Bilanzkontinuität durchbricht, ist es notwendig, in der RM-Schlußbilanz echte Beziehungsgrößen auszuweisen und stille Reserven zu offenbaren (deren Übernahme in die Umstellungsrechnung unzulässig ist). Fraglich ist dabei die Behandlung der Reichstitel und der Auslandsvermögen, somit die Höhe der Ausgleichsforderungen an die öffentliche Hand zum Ersatz für Verluste. Es wird noch geraume Zeit dauern, bis ... "Vorweisen" konnte die Allianz-Versicherungs-AG. nur die Bilanz per 31. Dezember 1947, also eine Voraussetzung zur RM-Schlußbilanz.

Für die Beurteilung der Geschäftslage ist diese Bilanz unerheblich. Die Währungsreform hat nämlich ihren Einfluß in besonderer Weise ausgeübt Vor dem 20. Juni 1948 wurde mancher Schaden überhaupt nicht angemeldet oder geltend gemacht Nachher aber hat die Schadenshäufigkeit, weil selbst Bagatellforderungen anhängig gemacht wurden, so zugenommen, daß eine Beruhigung dringend erforderlich wird, wenn nicht die Überspitzung des Versicherungsprinzips dieses selbst ad absurdum führen soll. Das gilt vor allem für die Haftpflicht, deren besondere Konjunkturempfindlichkeit eine Anpassung an das Preisniveau bedingt. Aber Prämienerhöhungen sind auch vom Standpunkt der Versicherungen aus kein Allheilmittel. Gedacht wird an eine Selbstbeteiligung oder die Einführung von Franchisen.

Bei der Feuerversicherung liegen Anzeichen einer Konsolidierung vor, wenn auch in der Industrie die Prämiensätze noch unter der technisch erforderlichen Höhe liegen. Die Industrie wird gut daran tun, sich zu überlegen, daß die niedrigste Prämie nicht immer die günstigste ist. Unterversicherung sollte man gerade in Anbetracht des gestiegenen Preisniveaus im eigenen Interesse vermeiden oder beseitigen.

Bei der Einbruchsdiebstahl-Versicherung hat sich die Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage spürbar in einer Schadensverlaufsbesserung niedergeschlagen, während in der Transportversicherung die Beschränkungen des Kontrollratsgesetzes Nr. 47 noch lange das Geschäft drückten. Heute – nach Lockerung des Verbotes der Versicherung deutscher Im- und Exporte – können die deutschen Versicherungen wieder dieses Geschäft übernehmen, brauchen hierzu aber die Unterstützung des deutschen Außenhandels (in die Lieferverträge gleich entsprechende Konditionen aufnehmen!).

Die Aufhebung dieser Beschränkungen läßt nunmehr auch wieder die Versicherung deutschen Eigentums im Ausland, einschließlich der ins Ausland fahrenden deutschen Kraftfahrzeuge zu. Schwierig ist dabei noch der Versicherungsschutz in Fremdwährung. Er setzt eine Sicherung gegen Kursrisiko voraus. Die Bank deutscher Länder hat das Prinzip anerkannt: eigene Fremdwährungskonten der Versicherungen sind in Vorbereitung.

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Sorgen macht die Entwicklung der Verwaltungskosten bei den Versicherern. Da 70 v. H. von ihnen auf Gehälter entfallen, wirkt sich jede Änderung der Tarife als eine Belastung aus, die nicht abwälzbar ist, weil die Versicherungen zum Teil für Jahrzehnte verbindlich sind. Auch die Sachaufwendungen steigen. Sie liegen erheblich höher als 1938. Als einziger Weg der Kostenersparnis bleibt die Rationalisierung, wobei es entscheidend darauf ankommt, endlich mit dem Luxus der ländergebundenen Versicherungsbehörden aufzuhören und ein einheitliches Bundesversicherungsamt zu schaffen.

Auch die Härte der Währungsreform (unterschiedliche Behandlung der privaten Rentenversicherung gegenüber der Sozialversicherung) gilt es noch zu bereinigen. Dies allein macht 200 bis 250 Mill. DM neue Ausgleichsforderungen aus. Nimmt man die Pensionskassen und die sonstigen privaten Versorgungsansprüche (u. a. IG-Farben, Nordd. Lloyd, Presse) hinzu, dann kommen leicht 800 bis 1000 Mill. DM zusammen. – Bundesarbeitsminister Storch hält eine Bereinigung in diesem Sinne zwar für eine "Bevorzugung" der Privaten, aber sehr zu Unrecht: denn wenn die Sozialversicherung ihre Beiträge erhöhte, so doch nicht wegen der Deckungsverluste, sondern wegen der Relation von Leistungen und Beiträgen! Das Deckungsprinzip ist hier schon lange verlassen. Bei den privaten Versicherungen geht es jedoch um die Deckungsgrundlage.

In diesem Zusammenhang gewinnt nicht nur die Frage der Eigenkapital-Neufestsetzung in der DM-Eröffnungsbilanz... an Bedeutung, die alternativ mit 10 v. H. der am 21. Juni 1948 vorhandenen Verbindlichkeiten oder mit 20 v. H. des sich aus der RM-Schlußbilanz ergebenden Eigenkapitals erfolgen kann, sondern auch das über die Versicherungen hinausgehende Problem der Ausgleichsforderungen überhaupt, die bisher noch ein "unvollendetes Experiment" darstellen. – Der eleganteste Weg einer Lösung wäre, so hört man bei der Allianz, sie nach und nach in höher verzinsliche und fungible Bundesanleihen zu konvertieren. Lü.