Die alliierte Stahlkontroll-Gruppe hatte der Bundesregierung kurz vor Weihnachten eine Art Durchführungsbestimmung zum Gesetz 27 über die Auflösung der deutschen Eisen- und Stahlwerke überreicht, mit der Weisung, bis zum 27. Dezember hierzu Stellung zu nehmen. Am Tage, an dem diese Zeilen geschrieben werden, Anfang Januar, ist eine offizielle deutsche Antwort noch nicht erfolgt. Es verlautet aber aus dem Bundeskanzleramt und aus dem Wirtschaftsministerium, daß allseitig die Neigung zur Ablehnung herrscht. Die Stahltreuhänder haben bereits in einem früheren Zeitpunkt die Vorschläge der Alliierten in wesentlichen Punkten als wirtschaftlich unvernünftig und politisch unverständlich abgelehnt; die betroffenen Werke sind fast ausnahmslos mit negativen Erklärungen hervorgetreten; die "Aktionär-Gewerkschaft" des Staatssekretärs a. D. Schmid, die Schutzvereinigung für privaten Wertpapierbesitz, hat abgelehnt, und auch bei den Industrie-Gewerkschaften hat sich keine Liebe für diese Art der Bremsklotz-Politik gefunden.

Dennoch – oder vielleicht auch deshalb – ist man in Kreisen der Stahlkontroll-Gruppe im Düsseldorfer Atlantic-House sehr stolz auf dieses Bouquet und hofft, bei einer "Nichtverständigung mit den Deutschen" auf die Durchführung des alliierten Willens in Form eines Diktates.

Der alliierte Vorschlag verlangt die Aufteilung der Stahlkonzerne in 29 neue Kerngesellschaften, die Liquidation von 353 in Westdeutschland liegenden Unternehmen und Werke, die bisher im Konzernbesitz oder in deren Kontrollbereich lagen, und behält sich den Entscheid über weitere 125 Gesellschaften der Verfeinerung, Weiterverarbeitung, des Handels usw. vor. Der Kohlenbesitz der Konzerne ist hierbei nicht mit einbezogen. Zusätzlich wird eine sog. "Mustersatzung" für die neuen Gesellschaften vorgeschrieben, die für alles mögliche, aber nicht für ein Unternehmen ein "Muster" ist.

Unser Schaubild gibt eine Vorstellung über die Rohstahlkapazitäten der Weltstahlländer, ferner über den Neuordnungsvorschlag der Bundesregierung und über den Vorschlag der Combined Steel. Die Mustersatzung für die neuen Werke ist von der Absicht gekennzeichnet, die deutsche Montanindustrie weiterhin im Zustand der 1945 über sie verhängten Diskriminierung zu lassen, und enthält auch nicht einen einzigen dünnen Faden, der zumindest als Verbindung zu den Gedanken und Plänen einer europäischen Neuordnung des Montanbeckens aufgefaßt werden könnte. Den Werken wird grundsätzlich und für alle Zeiten der Erwerb von Beteiligungen und ihr Besitz verboten wenn nicht 95 v. H. des Kapitals übernommen werden. Eine solche Bestimmung würde die deutschen Pläne einer etwa 50 %igen Beteiligung einiger Hütten z. B. an Kohlenzechen unmöglich machen. Kein Aufsichtsratsmitglied der Kerngesellschaften darf zugleich in irgendeiner anderen Montangesellschaft oder bei den Vorlieferanten interessiert oder in deren Verwaltungsorganen vertreten sein. Erfahrungsaustausch wird also nicht erlaubt. Diskriminierend sind ferner die Bestimmungen über die Banken, Aber wir könnten uns vorstellen, daß z. B. der amerikanische Hochkommissar beim Lesen jener Vorschriften zur Ehrenrettung seines eigenen Berufsstandes bereit sein wird. So will man von alliierter Seite aus den Banken die Aktionärvertretung in den Hauptversammlungen versagen. Die Banken dürfen ferner keine Interessenbindungen mit Aufsichtsratsmitgliedern haben. Jedes Bankinstitut darf auch nur einmal ein Aufsichtsratsmandat einnehmen: das heißt, de Geschäftsverbindung mit zwei Stahlgesellschaften wird praktisch inhibiert.

Unüberbrückbar stehen hier die Auffassungen der Stahlkontrolle denen der Beteiligten und Betroffenen gegenüber. Unsere Übersicht zeigt links den Vorschlag der Stahltreuhänder (der keineswegs ungeteilten Beifall sowohl innerhalb der Stahltreuhänder selbst wie in der Stahlindustrie gefunden hat), auf den sich aber die Bundesregierung wohl im wesentlichen – mangels einer eigenen Konstruktion – zurückziehen wird, und rechts den Vorschlag der Combined Steel, mit ihrer weitgehenden Atomisierung der Betriebseinheiten.

Eine große deutsche Wirtschaftszeitung hat vor einiger Zeit die Bundesregierung vor der Annahme dieser alliierten Vorschläge gewarnt und dabei das Wort von künftigen "Entflechtungs-Quislingen" geschrieben. Dieses Wort ist als Lauffeuer durch das Rhein-Ruhr-Gebiet gegangen und gehört heute zu jedem Gespräch über dieses unerfreuliche Thema. Es gibt niemanden, der in der neuen Zerspaltung unserer Stahlwerke und der drohenden Liquidation von weiteren 353 deutschen Unternehmen auch nur irgendwo den Schein einer wirtschaftlichen Vernunft zu erkennen vermöchte. Allgemein wird auf das Tiefste bedauert, daß der eiskalte (und zuweilen höhnisch anmutende) Ton – wenn z. B. über die geschränkte Lebensfähigkeit der stark demontierten Betriebe gesprochen wird – kaum die Chance eines vernünftigen Gespräches eröffnet. Allgemein versteift sich daher die Haltung und es sind Aufforderungen zu hören, wonach unsere Bundesregierung, im Falle eines Nachgebens, nur noch als "alliierte Vollstreckungsbehörde" angesprochen wird...

Die deutsche Öffentlichkeit ist der Auffassung, daß die Alliierten zu diesen Eingriffen nicht mehr das Recht haben. Die Bundesregierung steht vor der entscheidenden Frage einer Überprüfung ihrer Politik. Was 1949 noch richtig war, wurde 1950 schon fraglich und ist 1951 unmöglich, ja geradezu verboten! Der neue Angriff auf das Ruhrgebiet wird im Industriebecken als eine planmäßige Fortsetzung der Yalta-Politik empfunden, Die graphische Silhouette der neuen Kerngesellschaften der Stahlindustrie scheint die gewollte Silhouette der deutschen Schlüsselwirtschaft zu sein; sie ähnelt den Konturen des bombenzerfressenen Helgoland. Rlt.