Von unserem Pariser Korrespondenten

Der französischen Außenpolitik ist in den letzten Monaten von deutscher Seite aus oft der Vorwurf gemacht worden, sie bleibe in ihrer traditionellen Konzeption stecken. Zu dieser traditionellen Konzeption aber gehöre die Vorstellung vom Erbfeind Deutschland. Die Amerikaner dagegen werfen den Franzosen vor, daß sie zu langsam und zu unwillig an. der westeuropäischen Verteidigung mitarbeiten. – Wir haben unseren Pariser Korrespondenten Artur Rosenberg gebeten, zu diesen Problemen von Paris aus Stellung zu nehmen.

Paris, im Januar

Wenige Tage vor der Debatte der französischen Nationalversammlung über die Aufrüstung Deutschlands trat die Sowjetunion mit zwei Erklärungen vor die Weltöffentlichkeit: die eine war eine Regierungsnote, die andere eine gemeinsame Verlautbarung der Ostblockstaaten. In beiden Noten kündigte Moskau an, daß es eine Aufrüstung Deutschlands nicht dulden werde. Diese Drohungen wurden zunächst als Manöver, als Versuch einer Beeinflussung des französischen Parlamentes betrachtet und nicht allzu ernst genommen. Kurz hernach erklärte die Pekinger Regierung, sie werde eine Überschreitung des 38. Breitengrades durch ausländische Truppen nicht ruhig hinnehmen. Die Ereignisse haben gezeigt, daß Rot-China im Augenblick, da es seine Drohung aussprach, die Mittel schon bereit hielt, um sie zu verwirklichen. Seither werden die sowjetrussischen Erklärungen in Frankreich anders eingeschätzt. Die beiden Noten Moskaus, die nach der gleichen Methode knapp vor der Brüsseler Konferenz Frankreich und Großbritannien des Vertragsbruches beschuldigten, konnten die vorhandenen Besorgnisse nur noch verstärken.

"Nichts", so schrieb Walter Lippman an in dem bestimmt nicht defaitistischen New York Herald, "berechtigt zu der Annahme, daß die Russen ruhig warten werden, bis die Vereinigten Staaten sich in Deutschland eine genügend starke Position gesichert haben." Auch in USA ist die Auffassung allgemein, daß die Aufrüstung Deutschlands ein Risiko mit sich bringt. Was aber für das durch einen Ozean von den russischen Panzern getrennte Amerika ein bloßes Risiko ist, kann für das westliche Europa zu einer nicht wieder gut zu machenden Katastrophe werden. Es ist unter diesen Umständen nur selbstverständlich, daß französische und amerikanische Politik nicht übereinstimmen können. Paris steht vor einem schweren Dilemma. Eine selbständige Politik mit einem Abrücken von Amerika würde Frankreich als willenlosen Spielball der Sowjetunion ausliefern. Eine Beteiligung an einer amerikanischen Politik des Risikos bringt Frankreich bei dem heutigen Stand der europäischen Rüstungen in die Gefahr, wenige Tage nach Ausbruch eines bewaffneten Konflikts die Sowjetpanzer im eigenen Lande zu sehen. Niemand in Frankreich würde aber heute noch Hoffnungen auf eine spätere Befreiung setzen. Man ist sich im klaren, daß künftige Befreier nur Leichen und Ruinen vorfinden würden.

Lavieren, Temporieren ist die einzige Politik, die Frankreich heute betreiben kann. Man hat gegen Paris den Vorwurf erhoben, daß die Vorbehalte gegen die deutsche Aufrüstung nur Mittel waren, um eine Entscheidung hinauszuzögern, daß es schließlich dem Spofford-Plan nur zustimmte, weil dessen Annahme durch Bonn nicht oder erst nach sehr langwierigen Verhandlungen zu erwarten ist. Es ist sicher, daß solche Überlegungen einen entscheidenden Einfluß auf die französische Haltung übten. Man hat die Vermutung ausgesprochen, daß Paris bereit sei, den Spofford-Plan preiszugeben, sobald dadurch eine Verständigung mit Moskau zu erzielen sei. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß Paris versuchen wird, die Besorgnisse des Kremls vor einer deutschen Aufrüstung auszumünzen, um durch ein Übereinkommen zur Neutralisierung Deutschlands die Kriegsgefahr zurückzudrängen.

Nach sowjetrussischer Auffassung würde eine deutsche Beteiligung am Atlantikpakt das Kräfteverhältnis der beiden Machtblöcke so stark verschieben, daß Moskau es als vitale Frage betrachten könnte, einer solchen Aufrüstung zuvorzukommen. Welchen Vorteil aber bietet den Westmächten die Aussicht auf einen deutschen Wehrbeitrag in ein bis zwei Jahren, wenn damit die Gefahr eines unmittelbaren Krieges heraufbeschworen wird?