Von Jochen Harringa

Vor 75 Jahren unterzeichnete Wilhelm I. eine Kabinettsordre über die Bebauung des Kurfürstendammes im Westen Berlins.

Den Reisenden, die von Hamburg nach Berlin fuhren, bot sich kurz hinter dem Dammtor-Bahnhof der Anblick der Binnenalster dar: ein Rechteck aus hundertfach gestuften, bunten Lichtreklamen, deren Widerschein der gekräuselten Wasserfläche eine orchideenfarbene Tönung verleiht. "Der neue Kurfürstendamm", bemerkte eine Dame im Abteil. Niemand antwortete. Aber eine unausgesprochene Verzauberung war spürbar geworden. In der Tat führt – wertet man das Atmosphärische – der "Kurfürstendamm" der Nachkriegszeit am "Kranzler" in Bonn vorbei quer durch die Bundesrepublik. Mit jenem Berliner Publikum, das zum Teil nach Hamburg, Düsseldorf, nach Köln oder München verzog, emigrierte auch etwas vom Lebensstil des Berliner Kurfürstendammes und schuf in jenen Städten einen Bereich, in dem sich das Lässig-Wekstädtische mit Berliner Akzent behauptet. In Berlin aber trägt die dreiundfünfzig Meter breite Avenue zwischen Gedächtniskirche und Halenseebrücke Spuren dieser Verflüchtigung. Sie gleicht ein wenig jenen verschminkten älteren Damen, die dort als Vermieterinnen ihr Leben fristen und im milden Glanz der Wintersonne auf dieser Straße ihrer zerstörten Illusionen kleine, träge Hunde spazierenführen.

Die Geschichte vom Kurfürstendamm ist die Geschichte vom Sand, der sich zu Gold verwandelte. Noch Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das Gelände am Kurfürstendamm ein Stadtrandrevier. Das königlich-preußische Berlin – nach dem Erlöschen der Brüder Humboldt, Hegels, E. T. A. Hoffmanns und Kleists geistig merkwürdig indifferent – endete mit dem "alten Westen" am Lützowplatz. Die Allee Unter den Linden hatte sich zur eindrucksvollen Repräsentationsstraße entwickelt, während die schmale, glaslampenerleuchtete Friedrichstraße die eleganten Etablissements beherbergte und die Leipziger Straße allmählich zum führenden Geschäftsviertel wurde. Der Dreiklang: Repräsentation, Vergnügen Geschäftliches griff straßenbaulich harmonisch ineinander.

Nach der Proklamation des Kaiserreiches aber sollte ein prunkvolles Berlin die Bedeutung Deutschlands demonstrieren. Paläste entstanden, Denkmäler wurden errichtet, eine Hausse an Symbolwerten setzte ein. Berlin wuchs gleichermaßen nach Westen, Osten und Süden auf die Nachbarstädte zu, und plötzlich wurde auch ein Weg interessant, der sich vom Rummelplatz am Zoo zum Rummelplatz Halensee am Rande des Grunewaldforstes dahinzog. Bismarck war es, der in einem Memorandum sich für die Bebauung des Kurfürstendammes einsetzte, wobei er auf die Pariser Avenue du Bois de Boulogne verwies. Schon zogen die Bodenpreise rapide an und stiegen im Laufe weniger Jahre auf das Sechshundertfache: die größte Grundspekulation in der Geschichte Berlins! Die Wohlhabenden des Bürgertums bauten am Kurfürstendamm, an dieser Straße, die im Nirgendwo anfing und im Nirgendwo aufhörte, ihre Paläste. Für die Etagenwohnungen wurden ungewöhnlich hohe Mieten gefordert und bezahlt. Lange gab es hier weder Geschäfte noch Restaurants, und noch um die Jahrhundertwende war der Kurfürstendamm nur Wohnstraße mit schwülstigen Fassaden. Aber die Wandlung kam. Vor dem ersten Weltkrieg wurde der Kurfürstendamm – entgegen dem Willen der Anwohner – zu jener anmutigen Mischung aus elegantem Geschäfts- und Vergnügungskorso, die dieser Straße zu Weltruf verhalf. Wer morgens vor dem "Café Wien" frühstückte, sorgsam in ein Plaid gehüllt, verband dies epikuräische Vergnügen mit dem Genuß, den jungen Damen zuzuschauen, die, adrett aufgemacht, ihren Läden und Büros zustrebten. Später am Vormittag trafen sich in den Likörstuben seriöse Herren mit Aktentaschen, in der Absicht, ihre Verhandlungen mit einigen Gläsern Hennessy zu würzen. Um die Mittagsstunde fuhren die Bankiers-Limousinen bei "Pelzer" an der Gedächtniskirche vor, wo dann in den Zeiten der Weimarer Republik Mendelssohn-Bartholdy mit seinen Freunden Gutmann und Helfft speiste, zuweilen von Lee Barry und Lilian Harvey begleitet.

Nachmittags flanierte ein internationales Publikum unter den Bäumen und betrachtete beiläufig die erlesenen Waren in Schaufenstern und Vitrinen. Wie von Renoir gemalt wirkten die impressionistisch bewegten Szenen in den Straßen-Cafés. Ein paar Häuser entfernt luden Buch- und Kunsthandlungen zum Verweilen ein, daneben sammelten sich vor den Foyers der Lichtspieltheater Menschentrauben, auf den beiden Asphaltstreifen glitt der Korso der Wagen vorüber, in den Blätterkronen der Bäume spielte das Licht, irgendwoher klang Operettenmusik und über allem schwebte ein Duft-Cocktail aus Gerüchen von Kaffee, Benzin, frisch gebackenem Kuchen und Chanel.

An solchen Nachmittagen wirkte der Kurfürstendamm wie eine Provinz für sich, eingehüllt in das erregende Fluidum der Begegnungen, der unverbindlichen und verbindlichen Blicke. Kurz vor Mitternacht, wenn die Vorstellungen beendet waren, schlenderten die Paare im Schein der Lichtreklamen und Bogenlampen den Boulevard entlang, und die allnächtliche Saison der Bars und Night-Clubs begann.

Die guten Zeiten des Kurfürstendamm waren die guten Zeiten der Weimarer Republik. Nach 1933 begann die erste Phase der Emigration, die nicht nur das Atmosphärische dieses Boulevards zerstörte. Trotzdem blieben der "Kuhdamm" und sein Völkchen, politisch gewertet, einRefugium der Opposition, so lange, bis die fragwürdige Architektur seiner Wohnpaläste den Bombennächten zum Opfer fiel. Nach 1945 schien es eine Zeitlang, als hätte die Steglitzer Schloßstraße eine Chance, den weit mehr zerstörten Boulevard zu überflügeln. Aber dieser Eindruck täuschte. Inzwischen hat der Kurfürstendamm seine "östliche Basar-Periode" überwunden und gilt mit der Fülle der modernen Fassaden und komfortablen Läden wieder als die repräsentativste Geschäftsstraße Berlins. Ob er auch wieder zum Korso der Berliner wird, ist eine Frage des Publikums, aber auch eine Geldfrage. Ein Boulevard gedeiht nur in der Sphäre der modischen und intellektuellen Extravaganz, in jener Sphäre, die für eine bestimmte Gesellschaftsschicht das Leben erst lebenswert macht.