Ein Schlußwort zur Güte

Es ist nun lange genug her, seit Dr. Corten, der Hamburger Arzt, der im Verdacht stand, seine Frau böswillig ins Irrenhaus gebracht zu haben, freigesprochen wurde. Es ist lange genug her, seit anläßlich dieses Prozesses das Wort von der "Krise der Psychiatrie" fiel. Wollen wir’s immer weitertreiben? Wir sollten denken: Nein!

Aber da kommen noch immer Briefe, täglich neue. Denn aus dem "Fall Corten" und der "Krise der Psychiatrie" war das Thema "Ärzte und Öffentlichkeit" hervorgegangen. Und wer die Briefe zu diesem Thema in einer Druckschrift vereinigen wollte, was mühelos geschehen könnte, der sähe zuletzt, daß er nichts getan hatte als den Streit noch heftiger zu entfachen. Da ist beispielsweise die Äußerung eines heute berühmten Arztes, es sollten die Publizisten nichts, aber auch gar nichts über Medizin schreiben, sie verstünden eh’ nichts davon und richteten unter Zeitungslesern nur Verwirrung an. Soll man ihm entgegnen, daß Zeitungen, zum Beispiel "Die Zeit", Mitarbeiter haben, die beides zugleich sind: Ärzte und Publizisten? Da ist ein sehr kritischer Brief, der sich gegen die Publizistenfeindschaft mancher Ärzte wendet, und ausgerechnet dieses Schreiben stammt von einem Arzt. Und da sind, gottlob, Briefe von Menschen, die niemals Ärzte, aber oft genug Patienten waren: sie schreiben, daß ihr Vertrauen in die medizinische Wissenschaft und in die menschliche Integrität des Arztes nicht erschüttert ist, trotz des Corten-Prozesses, trotz der erregten "Äußerungen mancher Ärzte und mancher ihrer Kritiker", wie ein Briefschreiber es formulierte.

Genug! Dies soll gegenüber einer Flut von Briefen ein Schlußwort zur Güte sein. Denn Güte dürfte beiden, den Ärzten und den Publizisten, angemessen sein. J. M.