Vor 250 Jahren, am 18. Januar 1701, setzte sich Friedrich I. von Preußen in Königsberg die Königskrone auf. Er verlieh damit dem preußischen Anspruch auf die Vormachtstellung im deutschen Norden sichtbaren Ausdruck; seit dem Tode Gustav Adolfs war der Gedanke an ein protestantisches Kaisertum nicht wieder untergegangen. 170 Jahre später, am 18. Januar 1871, proklamierten die deutschen Fürsten Preußens König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser. Glanzvolle Daten aus der Geschichte eines deutschen Landes, das nach der Niederlage des letzten Krieges zerstückelt und ausgelöscht worden ist!

Bewundert viel und viel gescholten – diese Worte, mit denen die Helena-Szenen des Faust beginnen, gelten auch für Preußen. Der Militärstaat war es, den man schalt, nicht die militärischen Tugenden; die wurden oft bewundert. Als Friedrich der Große Franzosen und Reichsarmee bei Roßbach geschlagen hatte, wurde sein Bild auf Londons Straßen den Verkäufern aus der Hand gerissen. Bayerische Bauern – heute sprichwörtlich als Preußenhasser bekannt – hingen Bilder des großen Königs zur Zeit des Bayerischen Erbfolgekrieges neben die Heiligenbilder in ihre Stube. Ein preußischer General organisierte das Heer, mit dem Washington den Vereinigten Staaten die Unabhängigkeit erkämpfte; noch heute wird sein Name von den Amerikanern in Ehren gehalten.

Der Militärstaat Preußen hingegen, der Staat, in dem der Offizier die erste und vornehmste Stellung vor allen anderen Ständen und Berufen innehatte, wurde in der Welt gescholten und gefürchtet. Man konnte sich nicht denken, daß ein solcher Staat anders sein könnte als ein Räuber, der auf eine Gelegenheit lauert, seine Nachbarn zu überfallen. Diese Anschauung jedoch wirkte, eben weil sie in keiner Weise durch geschichtliche Ereignisse gerechtfertigt war, ihrerseits auf Preußen alarmierend. Sie weckte dort Mißtrauen und rief eine um so stärkere Betonung des Militärischen hervor, was die ausländische Furcht noch mehr anstachelte – ein unglücklicher Kreislauf, der nichts, als Unheil schaffen konnte.

So sah die Welt ein Zerrbild Preußens. Niemand mühte sich, seine großen friedlichen Leistungen zu erkennen. Und doch war dieses Preußen derjenige deutsche Staat gewesen, in dem zuerst zur Zeit des Absolutismus ein Herrscher sich den "Rechten und Landesgesetzen" unterwarf. "In den Gerichten", schrieb Friedrich der Große, "müssen die Gesetze sprechen, die Herrscher schweigen." Der gleiche König sorgte auch dafür – was zu seiner Zeit einzigartig war –, daß die Richter fest besoldet wurden, so daß bereits damals dieser Stand sich in Preußen durch Unabhängigkeitssinn und Unbestechlichkeit auszeichnete. In gleicher Weise hatte sein Vater die Verwaltung reformiert und einen Beamtenstand aufgebaut, dessen Pflichtauffassung seitdem vorbildlich und sprichwörtlich gewesen ist. Auch war Preußen der Staat, der als erster in Europa in Fragen der Religion völlige Toleranz walten ließ.

Es war dieser preußische Geist der Unbestechlichkeit, Pflichterfüllung und Gerechtigkeit – nicht der militärische –, der dem Lande half, die Niederlage von 1807 zu überwinden. Es war dieser Geist, der den Freiherrn vom Stein bewog, in preußische Dienste zu treten, der es ihm ermöglichte, die Bauernbefreiung durchzuführen und eine freiheitliche Städteordnung zu erlassen. Und es ist dieser Geist, der heute nach dem Untergang Preußens in seiner alten Hauptstadt Berlin bei dem Kampf gegen bolschewistische Bedrohungen wieder auf das schönste in Erscheinung getreten ist, der den Worten Immanuel Kants entspricht: "Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben." Tgl.