Menottis Oper in der Hamburger Staatsoper

Eine ärmliche Wohnküche mit Gasherd, Kinderwiege und Telephon. Durchs geöffnete Fenster dringt ein Schallplattensong herein. Als ein Mann stöhnend zur Tür hereinbricht, hinkend, verwundet, erst da spült eine Woge Orchestermusik hoch, schreiend realistisch wie in „Tiefland“, derb illustrativ wie im Kino ... So also hebt Gian-Carlo Menottis Oper „Der Konsul“ an, die in Hamburg ihre deutsche Erstaufführung erlebte. Und wie im Kino hat die Musik dabei die Bedeutung, möglichst deutlich auszumalen, welche Stürme im Innern der Menschen toben. Es sind die armen, gequälten Menschen der Gegenwart... „Irgendwo in Europa“, fügt das Libretto Menottis hinzu, der ein Amerikaner italienischer Abstammung ist.

Dieses Libretto ist so reißerisch wie nie. eines war, und die Melodien dienen überall dazu, die Spannung noch bohrender zu machen. Dabei ist Menotti ganz unbekümmert in der Wahl des Materials. für seine Musik, am ehesten mag die Handschrift seiner Partitur noch an die Züge Puccinis erinnern. Genau so sehr Nervenmusik, genau so ungeheuerlich, doch nicht so glatt, nicht so gefüllt, aber viel mehr psychologisierend. Übrigens ist im Laufe der Oper dem Szenarium der Wohnküche ein anderes entgegengesetzt, dem der Bühnenbildner Siercke vielleicht noch mehr an drückender Atmosphäre gab: das Vorzimmer eines Konsulates. Hier hat das Orchester ein paar zuckende, prägnant trockene Einleitungstakte, und schon setzt eine – Schreibmaschine ein, deren erbarmungsloses Ticken und Klappern sich immer wiederholt, und die Sekretärin, hübsch und gepflegt, hebt an: „Der Nächste, bitte!“

Und das auf der Opernbühne? Es ist die schon in New York und eben erst in Basel erprobte Sensation des „Konsul“, daß hier die Aktualität weiter als wir’s je gehört, weiter als beispielsweise in Kreneks „Jonny spielt auf“ oder in Brands „Maschinist Hopkins“ vorwärtsgetrieben wurde. Man mag vermuten, dies sei überhaupt keine Oper mehr, sondern ein auf dem Theater gespieltes Kinostück mit wildbewegter Musik. Aber um dies zu sagen, dafür ist die Opernähnlichkeit nun wieder zu groß. Und wer müßten die Opernhelden unserer Zeit denn anders sein?

Der Mann mit dem Namen John (Horst Günter), der verwundet in die Wohnküche stürzt, ist ein Freiheitskämpfer, und da es zum Wesen der Oper gehört, die Gestalten symbolisch zu überhöhen, bleibt es im Dunkel, welch politisches Bekenntnis in welchem Lande er vertritt; sein allenthalben gültiges Schicksal ist Flucht, und Heimkehr ist sein Tod. Mehr noch im Mittelpunkt steht die Heldin unserer Zeit: die Frau, deren Schicksal es ist, zu warten und Angst zu haben. Des Mannes Gegenspieler ist der Staatspolizist (Toni Blankenheim), der ihn zuletzt fängt, abführt und erledigt. Die Gegenspielerin der Frau ist die Sekretärin vom Konsulat (Ilse Kögel), die Papiere prüft, Visa verweigert und immer wieder sagt: „Der Konsul ist beschäftigt.“ Die Helferin der Heldin ist deren Mutter, die an der Wiege des vor Hunger und Frost sterbenden Kindes ein Wiegenlied singt und die zuletzt auch zu den opern- und kinohaft aus der Wand tretenden Schemen der Toten gehört: dies in der Schlußszene, in der die Heldin den Gashahn aufdreht. So neu das zischende Geräusch ausströmender Gase in der Oper ist – man wird zugeben, daß sich die Welt gewandelt hat, seit Puccini seine „Butterfly“ Harakiri verüben ließ...

Ist allein die Handlung so unheimlich reißerisch, daß man die Musik manchmal darüber vergißt, so ist doch erstaunlich, wie hier der Zwitterform Oper gelingt, sich sogar die Erfahrungen des Kriminalstücks und des Filmes dienstbar zu machen, und dies gerade dadurch, daß die singenden Darsteller so lange Strecken in banalem Sprechgesang bleiben, bis sich plötzlich – wie in der Abschiedsszene des ersten Bildes – gleichsam naturgemäß ein Ausruf zu einer Arie steigern und diese sich zum Duett und zum Terzett ausweiten muß. Hier, in der Wohnküche, Schmerz und Angst und all die alten menschlichen Gefühle, ausgedrückt in zwar nach dem Maß absoluter Musik wenig wertvollen, doch sehr expressiven Ensemblesätzen. Dort, im Vorzimmer des Konsuls, in einem Pandämonium der Bürokratie, vergeblich um Stempel flehende Menschen, die, nachdem ein ebenfalls wartender Zauberkünstler sie in Trance versetzte und puppensteif tanzen und ärmlich glücklich sein ließ (hier dient die Musik sogar als Mittel tiefenpsychologischer Demonstration), ihre Stimmen zu einem klangschönen musikalischen Finale erheben: Elfriede Wasserthal als bei canto-freudige Italienerin, Maria v. Ilosvay als mondäne, vielleicht daher erfolgreiche Antragstellerin, Kurt Marschner als Taschenkünstler und Hypnotiseur, Käthe Maas als bescheidenes blasses Geschöpf. Der Konsul, der dem Stück den Titel gibt, tritt nur als Schatten hinter einer Glastür auf. Er, der alle retten könnte, ist ja nie zu sprechen...

Erst die Überlegung, wie dies Bewegung erheischende Stück, das dennoch hohe Anforderungen an die Kehlen stellt, auf einer üblichen Opernbühne aussähe, macht die Leistung deutlich, die Günther Rennens Regie an der Hamburger Staatsoper vollbrachte. Hier ist jede Figur scharf charakterisiert, jede Geiste echt. Auch da, wo die – von Arthur Grüber vorbildlich exakt dirigierte – Partitur zu hohlem Pathos hätte verführen können, blieb Rennert unpathetisch. Er hat ja längst den oft geforderten singenden Darsteller auf die Bühne gestellt; so war Menottis Oper schon aus diesem Grunde für ihn ein Stück wie in Deutschland vielleicht für keinen anderen. Er gab Martha Mödl die Gelegenheit, als Frau des verfolgten Freiheitskämpfers (ihre Mutter war die sehr menschliche Gusta Hammer) so Großartiges in Spiel und Gesang zu bieten, daß man – wäre dieses sensationelle, grelle Werk nur musikalisch tiefer angelegt – gern von „der Rolle ihres Lebens“ sprechen möchte. – Das erst zögernde Publikum war schließlich äußerst fasziniert, sowohl durch den „Konsul“ selbst, als auch durch die vollkommene Interpretation. Ein Opernschlager! Josef Marcin