London, im Januar

Außer dem König und der Königin haben bisher nur wenige Londoner das große Ausstellungsgelände des Festival of’ Great Britain am Südufer der Themse zwischen Waterloo-Bridge und Westminster-Bridge betreten. Sofern sie davon wissen, fürchten sie sich ein bißchen vor dem Rummel, der sie im Festjahr 1951 zur Erinnerungsfeier an die Große Kristallpalastausstellung erwartet, die als eine Weltsensation im Hyde Park vor 100 Jahren von Queen Victoria eröffnet wurde! Festjahr 1951? Der Beginn des Jahres hat noch keine Feststimmung gebracht. Die Zeitungen, die sich sonst um die Jahreswende in Vorausblicken nicht genug tun können, haben sich diesmal entweder ausgeschwiegen oder sich der unwillkommenen Aufgabe mit Nervosität und Unbehagen entledigt. Man spricht von den Anstrengungen zur Verhinderung des Krieges, von der Teuerung und neuen Rationierungsmaßnahmen – seit Januar gibt es wöchentlich weniger Fleisch als im Kriege. Und London ist dunkler geworden, die Reklamebeleuchtung von Geschäften, Theatern und Kinos wird in England mehr noch als bisher wegen der Kohlenkrise eingeschränkt.

Feststimmung also konnte bisher nicht aufkommen, aber bis zur offiziellen Eröffnung des Festjahres am 5. Mai kann noch viel geschehen, und der große Strom der Besucher von Übersee, der durch das Festival of Britain angezogen werden soll, wird die Wogen der Begeisterung schon noch in die Höhe bringen. Nach dem Motto "Jedem Dorf seine Kunstwoche", das auch auf dem Kontinent jetzt zur Ankurbelung des Fremdenverkehrs überall gilt, soll nicht nur London im Zeichen des Festes stehen, sondern überall an zahlreichen Plätzen des Landes wird für Kunst- und Kulturwochen, für Landwirtschafts- und Industrieausstellungen und Sportwettkämpfe geplant und gearbeitet. Wie man für ein Familienfest das Feinste hervorholt und ein bißchen protzt mit dem guten Silber und Porzellan, so wollen die Bewohner der Insel den geladenen Verwandten aus dem Commonwealth und den Gästen aus fremden Ländern vorweisen, was sie aus ihrer Insel und aus sich gemacht haben. Die bekanntesten bildenden Künstler, so die Maler John Piper und Graham Sutherland, sind an der Vorbereitung des Festes beteiligt. Auch Oskar Kokoschka hatte den Auftrag für ein großes Wandgemälde erhalten, aber Sir Kelley, der Präsident der Königlichen Akademie der Künste, hat sich dagegen ausgesprochen, daß ausländische Künstler beteiligt werden, obwohl Kokoschka mehr als ein Jahrzehnt in London lebt und naturalisiert ist. Die schönsten Kunstschätze aus allen Teilen der Insel werden zu Ausstellungen zusammengestellt, und die Schauspieler werden in Neuinszenierungen der Dramen von Shakespeare bis Eliot und Christopher Fry glänzen. So wird das berühmte Old Vic nicht nur in seinem nach der Zerstörung durch Bomben wiederaufgebauten und kürzlich neueröffneten Hause spielen, sondern auch eine Tournee durch die Provinz schicken, und auch das Sadler Welles Ballet, das seit Monaten in Amerika Dollars verdient, wird rechtzeitig zurückkehren.

In London werden außer den Veranstaltungen auf dem eigentlichen Ausstellungsgelände am südlichen Themsebogen drei bedeutende Schauen der englischen Wissenschaft, dem Buch und der Architektur gewidmet sein. Schon heute wird auf dem Ausstellungsgelände an der Themse trotz Regen und Schnee fieberhaft gearbeitet. 30 Gebäude werden hier aus Holz, Stein, Glas und Aluminium errichtet mit der Bestimmung, nach Beendigung des Nationalfestes wieder abgerissen. zu werden. Für die Ewigkeit aber wird hier eine Konzerthalle erbaut. Die riesige Albert-Hall mit ihren nahezu 6000 Plätzen hatte akustisch viele Mängel und ist für Boxkämpfe vielleicht mehr geeignet als für Konzerte; die neue Royal Festival Hall aber wird, obwohl sie unmittelbar neben den Eisenbahngleisen liegen soll, die das Ausstellungsgelände durchschneiden, akustisch vollkommen sein. Das aufregendste Gebäude aber wird nach den Ankündigungen der Festleitung der Dome of Discovery mit einem Durchmesser von 110 Metern, "die größte Rundhalle der Welt, ganz aus Aluminium, dem typischen Material unseres Jahrhunderts, wie einst der für die erste Weltausstellung 1851 errichtete und später im Jahre 1936 durch einen Riesenbrand vernichtete Kristallpalast durch seine Konstruktion ganz aus Eisen und Glas, dem zu seiner Zeit neuentdeckten Material, eine Sensation war". – Hier nun beginnt für den Besucher die Schau der stolzen "Geschichte des Landes der Briten und dessen, was dieses Volk erreicht hat". Hier soll der britische Anteil an Erfindungen und Entdeckungen, an wissenschaftlichen und künstlerischen Beiträgen, an industriellen und technischen Errungenschaften gezeigt werden. Auch die "britische Art, zu leben und zu arbeiten", wird man demonstrieren, den britischen Charakter, den britischen Humor und die britische Höflichkeit.

Obwohl ich keinerlei Einfluß auf die Festleitung habe, so hoffe ich, daß dabei auch meines Hoteltürhüters gedacht wird, der so unnachahmlich selbstbewußt, aber nicht unverschämt, höflich, aber nicht devot, fröhlich-pfiffig, aber nicht aufdringlich jeden Gast stets mit Namen, einem Augenzwinkern und einem lustigen Wort begrüßte. Oder jener Chauffeur müßte verewigt werden, der den ganzen betäubenden Verkehr auf der Oxford Street zum Stocken bringt, um eine Frau mit dem Kinderwagen über die Straße zu lassen, jedoch, da sie zögert, schließlich weiterfährt mit den melancholischen Worten: "She doesn’t like luxury" – Sie liebt den Luxus nicht!

Britain at home to the World –: das ist der slogan, unter dem die Briten im Festjahr 1951 ihre Insel und sich selber ausstellen. Wer sie noch nicht kennt, hier kann er sie kennenlernen.

Erika von Merveldt