Prozeß Falkenhausen – Krankheitssymptom der Demokratie

Ein einsamer alter Mann sitzt seit Monaten ... im Gerichtssaal in Brüssel und schaut schweigsam und wie von fern auf die Schar der Vorüberziehenden Ankläger: Alexander von Falkenhausen, einst Militärbefehlshaber von Belgien, Und dies ist, was der belgische Verteidiger, Monsieur Botson, in seinem soeben abgeschlossenen Plädoyer sagte: „Das Gericht ist nicht dazu da, über Deutschland oder das Dritte Reich zu urteilen, sondern über von Falkenhausen, der keinerlei moralische Verantwortung für die Schrecken des Nazi-Regimes trägt. Es ist sicher, daß er alles tat, um die Greuel des Nazi-Regimes abzuwenden, zu dem er sich politisch in Gegnerschaft befand.“

Und Botson fuhr fort, die Repressalien der deutschen Besatzungsmacht gegen die Belgier seien nur auf die Gewalt- und Sabotageakte zurückzuführen, die gegen die deutschen Truppen von belgischen Widerständlern begangen worden sind. Repressalien aber seien kein Ding an sich, sondern die Antwort auf ungerechtfertigte Akte; hätte man die internationalen Gesetze des Krieges eingehalten, wären Repressalien nicht notwendig gewesen. General von Falkenhausen habe monatelang versucht, die Bedeutung der Gewaltakte gegen die Besatzungsmacht abzuschwächen, um Repressalien zu vermeiden. Als dies nicht länger möglich gewesen sei, besonders nachdem Keitel im September 1941 angeordnet habe, daß für jeden erschossenen deutschen Soldaten fünfzig belgische Geiseln an die Wand gestellt werden sollten – ein Befehl, gegen den Falkenhausen als einziger von 34 Generalen, die die gleiche Order erhielten, in Berlin protestierte –, habe er Erschießungen als Repressalie angeordnet. Aber nicht die Erschießung von Geiseln, sondern von Männern, die bereits rechtskräftig verurteilt waren und ohnehin ihrer Exekution entgegensahen. Soweit der Belgier.

Wie ist es möglich, daß Falkenhausen, der in dieser Weise seines Amtes gewaltet hat, der schon 1930, als er Kommandeur der Kriegsschule in Dresden war, in Vorträgen immer wieder vor der heraufziehenden Gefahr falscher Götzen und verlogener Symbole warnte, dessen Bruder am 30. Juni 1934 ermordet wurde und der selber im Juli 1944 von Hitler ins KZ gesteckt wurde, wie ist es möglich, daß dieser Mann heute nach sechs fahren ,,Untersuchungshaft“ vor Gericht, steht?

Er steht dort – und das ist das Erschütternde – nicht als individuell angeklagter Alexander Von Falkenhausen, sondern weil er als Militärbefehlshaber der Kategorie „Führerkorps“ angehörte. Daß sehe viele Belgier gegen diesen Prozeß und und Falkenhausen für unschuldig und ehrenwert halten, das fällt offenbar nicht ins Gewicht. Es ist schon so, daß unsere moderne technische Zivilisation keine Einzelwesen mehr kennt, sondern nur noch Kategorien. Das begann 1917 in Rußland, griff 1933 nach Deutschland und damit nach Zentraleuropa über und fraß sich dann wie eine Epidemie unaufhaltsam nach Westen weiter. Unsere Zeitrechnung steht im Zeichen von Stacheldraht, Kategorie und automatischem Arrest.

In Sowjetrußland mußte die Kategorie: Priester, Aristokraten und Kulaken daran glauben, bei Hitler die der Juden und der Nichtgefügigen, die Kategorie der sogenannten Asozialen, und um seine Herrschaft zu liquidieren, zogen Hitlers Überwinder wieder Kategorien zur Rechenschaft, Wir sind alle Sklaven unserer eigenen Erfindungen geworden – Sklaven einer Idee, eines Apparates, der Bürokratie oder des Staates; eines ven einer Zivilisation, deren wesentliches Kennzeichen die Hollerith-Maschine ist, mit der man fassende von Menschen in kürzester Zeit statistisch „aufbereiten“ kann. Jeder Mensch bekommt dann eine Karteikarte und wird in eine Kategorie eingeordnet, und die Komplementärgröße dieser. Lebensform ist das Lager, in dem jene leben, die die bürgerliche Ordnung ausgeschlossen hat. Das Lager als Lebensform – die große Erfindung der modernen Zeit!

Es gibt im Landsberger Gefängnis einen Menschen: der wurde im Jahre 1923 als junger Leutnant der Reichswehr wegen kommunistischer Umtriebe zu zehn Jahren Festung verurteilt. Es fügte sich, daß, als diese Zeit ablief, gerade das Dritte Reich ausgebrochen war; die damaligen Machthaber beschlossen, den so gefährlichen Staatsfeind ins KZ zu sperren. Dort verbrachte er – als Sanitäts-Kapo arbeitend – die Jahre bis zur vermeintlichen Befreiung 1945. Es ist erwiesen, daß er in dieser Zeit als Kapo mehreren alliierten Mitgefangenen das Leben rettete, aber da die Kategorie Kapo auf die neue schwarze Liste gehört, so wurde er 1945 in Dachau wieder zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt...

Die Kategorie – das ist die teuflische, mörderische Erfindung unserer Tage! Und die technische Gesellschaftsordnung, die auf ihr aufgebaut ist, ist der Tod allen Lebens und das Ende jeder Verantwortung. Der Scheiterhaufen, auf dem die heilige Johanna, das arme Wesen Johanna, verbrannt wurde, ist nicht so unmenschlich gewesen, wie die Akten, Dokumente und bürokratischen Kategorien, die in unserer Zeit, in der soviel von Menschlichkeit geschwätzt wird, darüber entscheiden, ob ein Mensch gut oder böse ist, staatserhaltend oder staatsgefährlich, ob er in Freiheit leben darf oder im Lager darben muß.

Wie aber kommt es, daß alle Systeme der letzten 30 Jahre diesen gleichen Weg gegangen sind? Der Kommunismus, der eine gerechte Gesellschaftsordnung, ein Paradies für die bisher unterdrückten Schichten aufrichten wollte, zeitigte als hervorstechendes Merkmal Zwangsarbeitslager, Schauprozesse, Massenhinrichtungen. Hitler, der mit Mythos und Kanonen, mit Idealismus und Terror auszog, das kommunistische System zu vernichten und seines zu etablieren, griff zu den gleichen Waffen –: wieder Stacheldraht, KZs und schließlich Massenhinrichtungen. Und wie ist es möglich, daß jene, die die Welt im Namen von Recht und Freiheit von diesem Alp befreien wollten, wieder mit dem Schema Kategorie und Lager begannen? Ist es nicht grotesk, daß heute in der letzten Phase dieses Befreiungsversuchs einer der vornehmsten Männer der vorkollektivistischen Zeit als Vertreter einer Kategorie, eines kollektiven Prinzips, in Brüssel vor Gericht steht?

Es wird immer deutlicher, daß die Vorstellung, es komme allein auf das System an, ein fundamentaler Irrtum ist. Es ist nicht das System allein, es ist schon der Glaube an die technische Apparatur, es ist die Entpersönlichung des Menschen und die Verwandlung des Daseins in eine riesige Maschine, die die Welt zu einem Ort des Schreckens gemacht haben. Bolschewismus und Faschismus sind nur Hypertrophien unserer Zivilisation. Und was erst in ihrer verzerrten Übertreibung deutlich wurde, ist in Wirklichkeit die Krankheit unserer ganzen Zeit. Weil im Vordergrund der totalitären Systeme Terror und Grausamkeit standen, glaubt man zwar, diese seien ausschließlich Begleiterscheinungen der Diktatur; es sei nur notwendig, zum Normalen, zur westlichen Zivilisation der Demokratie zurückzukehren, und alles wäre wieder in schönster Ordnung. Doch das ist ein gefährlicher Irrtum, der leicht dazu führen kann, daß der eigentliche Bazillus, der in der modernen Weltanschauung, nämlich der Vergötterung der technischen Apparatur, also auch bereits in der Demokratie verborgen ist, unbemerkt immer weiterfrißt.

Ja, dieser Bazillus muß in dem Moment sogar besonders virulent werden, in dem die Demokratie, die ja angeblich der Gegenpol der Diktatur ist, zum ausschließlichen Sinn des Lebens erhoben wird, der mit allen Mitteln, notfalls auch mit diktatorischen, verteidigt werden müsse. – Technisch gesehen, ist die Demokratie eine mathematische Ordnung, weil sie eine vielgestaltige Lebenseinheit, das Volk, in millionstel Bruchteile von Wählern atomisiert und diese dann nach arithmetischen Prinzipien zu seiner Repräsentanz der demokratischen Regierung wieder zusammensetzt. Das ist eine Methode, die keineswegs die schlechteste ist, die aber, wenn man in ihr nicht mehr nur eine Methode, sondern den Sinn des Lebens sieht, die gleichen Gefahren heraufbeschwört wie jedes System, das mit Fanatismus als höchstes Gut verteidigt wird und darüber den Menschen vergißt. –

Die Demokratie als Heilsbotschaft, das ist es, was viele Deutsche und die meisten Emigranten aus den östlichen Ländern so skeptisch stimmt. Nicht, weil sie sich nach Führertum und Autorität sehnen, sondern sie spüren, daß es sich nicht mehr um eine echte Alternative handelt. Auf dem Boden unserer technisierten Zivilisation kann die Neigung zum Totalitären wirksam nur bekämpft werden, wenn es gelingt, den Menschen zu retten und nicht nur eine vielleicht sehr vollkommene Methode.

Maître Botson sagte in seinem Plädoyer für Falkenhausen: obgleich es für diesen das leichteste gewesen wäre, von dem Posten des Militärbefehlshabers in Belgien zurückzutreten, hätte er nicht davor zurückgescheut, in dieser äußerst schwierigen Situation die Verantwortung zu übernehmen. Hier wird endlich einmal der Mut des Einzelnen, Verantwortung zu tragen, anerkannt, der durch die Rechtsprechung nach Kategorien systematisch ausgerottet wird und der doch das Allerwichtigste ist, wenn der Staat den anonymen Technikern nicht ganz ausgeliefert werden soll. Marion Gräfin Dönhoff