Von Hanns Mayer

Seit Rowohlt das neue Buch von Ernst von Salomon "Mein Fragebogen" angekündigt hat, ist der Autor der "Kadetten", der "Geächteten" und der "Stadt" wieder in den Blickpunkt der literarischen Öffentlichkeit gerückt. Schon deshalb sind die Untersuchungen interessant, die der französische Essayist Roger Stephane über die "Archetypen politischen Abenteurertums" Lawrence, Malraux und Salomon angestellt hat. ("Portrait de l’Aventurier", Paris, Editions du Sagittaire".)

Im Anfang sind Bruch und Aufbruch: Der politische Condottiere unserer Zeit bricht mit Herkunft, Bildungsmilieu, Klasse; er bricht auf in die Revolutionszeit, wo klirrend die alten Tafeln zerspringen und neue entstehen. Aber am Ende steht der Verzicht: Bei Lawrence war es die Resignation, bei von Salomon politische Demission zugunsten der Literatur, und bei Malraux der Sprung in die autoritäre Partei de Gaulles.

Das Schicksal T. E. Lawrences ist das bekannteste und geheimnisvollste. Seine Welt war die der Wüsten, Burnusse und Minaretts; sein Auftrag war der des britischen Intelligence Service. Sohn einer irischen Flüchtlingsfamilie aus Wales, reist der 1888 geborene, orientbesessene Archäologe 1911 nach Syrien, um an den Ausgrabungen von Carchemish teilzunehmen. Das "Licht aus dem Osten" blendet ihn hier für die Zeit seines Lebens, und der Abenteurer erwacht in ihm. Ein Jahr nach Kriegsausbruch kam er zum Generalstab nach Kairo und dann zum Arab Office. Der "Träumer mit offenen Augen" faßte in einer schlaflosen Nacht unter einem windbewegten Zeltdach den rasenden Plan, mit Hilfe Englands eine arabische Revolte gegen die Türken zu inszenieren. Und in einem romantischen Feldzug gelang es, dem äußerlich weichen, fast weichlichen Intellektuellen, mit einer improvisierten Armee von 3000 Arabern den Sieg über 50 000 Türken und die Befreiung jener Gebiete zu erringen, die heute Saudi-Arabien; Jordanien, Irak und Syrien sind. Lawrence war – wie Stéphane in seiner von Sartre eingeleiteten Studie "Portrait de l’Aventurier" schreibt – Phantast in der Konzeption, Intrigant in der Methode und Held in der Aktion. Er akzeptierte die untergründigen, hart am Piratentum vorbeigleitenden Kampfmittel seiner Londoner Auftraggeber. Er akzeptierte Strapazen und Leibesnot. Einmal sprang er, nach einer Notlandung seines Flugzeuges, mit gebrochenen Rippen in ein anderes; er schrieb im Fieber, während einer stürmischen Luftreise, die Einleitung zu den "Sieben Säulen der Weisheit". Aber das realpolitische Dementi seiner Träume von einem arabischen Großreich akzeptierte er nicht: Als England, um weltpolitischer Rücksichten willen, die den Arabern während des Krieges gegebenen Versprechen brach, verließ Lawrence die Szene, nahm auf der Flucht vor sich selbst den Namen Shaw an und diente von 1923 ab als einfacher Soldat erst in einem Tank-Corps, dann in der RAF. 1935 ward er, da er zwei Radfahrern auswich, von seinem Motorrad – geschleudert und starb.

André Malraux sei der Abenteurer unserer Zeit, schreibt Stéphane: er sei nicht mehr mystisch-religiös bestimmt, sondern existentialistisch. – Der Bürgersohn Malraux, der seine dichterische Berufung durch Aktion rechtfertigen will, wird zunächst Marxist. Zu einer Zeit, da Aragon noch als Sportreporter der Humanité ein mittelmäßiges Dasein führt, ist Malraux der coming man an der ideologischen Front der kommunistischen Partei Frankreichs. Als 1934 in Moskau der große Kampfkongreß der sowjetischen Schriftsteller tagt, werden als französische Delegierte der alte und der junge André, Gide und Malraux, bejubelt, wie das Zentralkomitee es befiehlt. Im spanischen Bürgerkrieg, in dem Aragon mit Lautsprecherwagen vor dem Schützengraben feurige Aufrufe sandte, diente Malraux als Kampfflieger. Er war Soldat und brav. Doch was tat Malraux im Jahre 1940, als die deutschen Truppen in Frankreich standen? Malraux ging ins Maquis. Gleich dem Colonel Lawrence, dem er eine Studie widmete, wurde auch er Führer irregulärer Truppen und "Colonel" –: Colonel Berger. 1944 stieß der Untergrund zur Oberfläche durch, und André Malraux wurde Informationsminister. Ist er noch Kommunist? Gewiß nicht, man weiß es schon lange. Dennoch sind seine Landsleute, jenach ihrer politischen Ideologie, erstaunt, empört, erschüttert, begeistert, ihn 1947 an der Seite de Gaulles im RPF zu finden.

Und so charakterisiert Roger Stéphane Ernst von Salomon: Hier sei alles schwer, dicht, zugleich einfacher und tiefer: deutsch. – Von Salomon, der Nachfahre hugenottischer Flüchtlinge, ist ein Jüngling, als des Kaisers Kulis den Kaiser verlieren und ihre Kulikondition behalten. Sechzehn Jahre ist er alt und Gardekadett, da die Roten Soldatenräte den Offizieren die Schulterstreifen herunterreißen. Sein Vater war hoher Polizeibeamter. "Ruhe und Ordnung" will Ernst von Salomon zunächst wieder herstellen und macht bald aus dem frühen Leid seiner ausweglosen Jugend die Schritte zur Unordnung, zur Anarchie. Erst steht er noch an der Seite der Nosketruppen gegen Spartakus. Später kommen Freikorpskämpfe im Baltikum, Oberschlesien, dann der Kapp-Putsch. Schließlich der Mord an Rathenau, an dem er Komplizendienste leistet, für die er zu fünf Jahren Haft verurteilt wird. 1928 verläßt er die Gefängnisse des "Systems", geht nach Frankreich und schreibt die Selbstbiographie "Die Geächteten". "Zur Hitler-Bewegung habe er nur wenig Beziehung gehabt", schreibt Stéphane und irrt darin: er hatte nämlich keine Beziehung. Auch trifft nicht zu, daß von Salomon als Offizier am Zweiten Weltkrieg teilgenommen habe und 1943 unter den Besatzungstruppen Frankreichs gewesen sei. Auch irrt Stephane, wenn er schreibt "Seine geistigen Spuren verschwinden in der Mittelmäßigkeit der Propaganda-Staffeln, für die er billige Aufklärungsfilme verfaßt." Er war weder Soldat in diesem Kriege, noch Propagandamann. Er schrieb lediglich Drehbücher für Spielfilme. Wesentlich ist, daß Roger Stéphane in seinen unter dem Titel Portrait de l’Aventurier zusammengefaßten Essays die existentielle Situation der drei erwähnten Männer analysiert, die auf den ersten Blick nur das Schicksal politischen Kampfes und dessen literarischer Gestaltung gemeinsam haben. Stéphane aber glaubt in Leben und Werk der drei Männer die "Grundformel politischen Abenteurertums" zu finden, die da lautet: "Er (der Abenteurer) hat nicht eigentlich ein Ziel. Sein Ziel ist nichts als jener Punkt, an dem er automatisch am Ende seiner Arbeit anlangt ..." Und: "Er kann zwar siegen, nicht aber im Siege leben ..." Darum habe von Salomon vom triumphierenden Nationalsozialismus nichts wissen wollen, darum habe Lawrence auf die Früchte seines militärischen Erfolges gegen die Türken verzichtet, darum habe Malraux als kommunistischer Parteigenosse abgedankt, und dies in einem Augenblick, wo das "Vaterland der Proletarier" seine Einflußsphäre ungeahnt ausdehnt. Der politische Abenteurer sei der Kreuzfahrer ohne Kreuz, der Idealist ohne Ideal, der Revolte, dem die siegreiche Revolution zu nichts nütze sei. In ihm drückte sich am reinsten die Absurdität einer Epoche der zerfallenen Werte aus.

In dem Vorwort, das Jean-Paul Sartre diesen Aufsätzen von Stéphane mit auf den Weg gab, nennt er den Antityp des Abenteurers: den "politischen Funktionär", der militant, den kommunistischen Parteisoldaten. Er, der Funktionär, stünde in reiner, logischer Kontradiktion zum Abenteurer, dem Landsknecht der Ideologie, oder, wie Sartre ihn lieber nennt, dem komme d’action. Während der Parteisoldat antlitzlos ist, ist der Abenteurer ein verzweifelndes Ich, das sich durch die Aktion zu retten versucht. "Diese Aktion wird in den Tod münden – Landsknechte wissen zu sterben ..., während für den Parteifunktionär das physische Ende nichts ist als ein bedauerlicher und bedeutungsloser Zufall ..."

Nach der Lektüre des Buches wird man den Eindruck nicht los, daß Stéphane, der Autor, und Sartre, der Prologus, überzeugt sind, die Zukunft gehöre dem Militant, dem Funktionär. Sie lassen aber kaum Zweifel darüber, daß ihre skeptisch-melancholischen Sympathien sich den Abenteurern zuneigen, die als die letzten Individualisten der Geschichte erkannt werden müßten.