Bei einem privaten Besuch in Hamburg hat der Britische Hohe Kommissar Sir Ivone Kirkpatrick einen Vortrag gehalten, der zu erheblichen Mißverständnissen Anlaß gab. Er hatte zunächst den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht und den Niedergang Europas während der beiden Weltkriege geschildert und daran die Betrachtung geknüpft, daß die Bedeutung der Rüstungsindustrie in der modernen Kriegführung den Zusammenschluß hochindustrialisierter Staaten zu gemeinsamer Anstrengung verlange. Er fuhr dann wörtlich fort: "In dieser Lage muß sich Deutschland entscheiden, ob es sich den westlichen Nationen anzuschließen wünscht oder nicht." Dies war der anstößige Satz, weil man ihn dahin auslegte, der Redner habe von Deutschland eine Entscheidung zwischen Ost und West verlangt, die wir doch längst getroffen haben, während aus dem Zusammenhang hervorging, daß er nur fordern wolle, Deutschland müsse heute zwischen einer Neutralitätspolitik und einem Anschluß an den Westen wählen.

Offenbar hat die deutsche Öffentlichkeit nicht bemerkt, daß die politische Stimmung in Amerika auf der Kippe steht. Es ist heute so, daß der wachsende Isolationismus in den USA nur eingedämmt werden kann, wenn Westeuropa bereit ist, selbst bis an die Grenze seiner eigenen Leistungsfähigkeit für die atlantische Verteidigung einzutreten. Das Ergebnis von Eisenhowers Reise wird also vielleicht, die Lebensfrage Europas entscheiden. In dieser Situation hat sich der westeuropäischen Staatsmänner begreiflicherweise eine gewisse Nervosität bemächtigt. Sie können nicht verstehen, wieso Deutschland in dieser "Sternstunde" Europas von Helgoland, Stahlpressen und scheinbaren "Bagatellen" reden kann. Die Deutschen wiederum finden, daß es gerade angesichts dieser Situation allerhöchste Zeit sei, diese und andere nutzlose Belastungen der deutsch-alliierten Beziehungen endlich zu beseitigen.

Die Bereitschaft zu gemeinsamen Anstrengungen kann sich nur auf der Basis von Gleichberechtigung und Vertrauen einstellen D.