Als wir im letzten fahre – noch vor Korea – unter der Überschrift "Finden Sie, daß Ihre Kundschaft sich richtig verhält?" die Frage der "Zahlungsmoral" zur Diskussion stellten und hierzu einleitend zunächst einem Bankpraktiker das Wort gaben, waren wir auf eine Fülle von Zuschriften gefaßt. Aber das Ergebnis war nicht so, wie man es angesichts der – damals – überall zu hörenden Klagen über säumige Schuldner und schleppenden Zahlungseingang eigentlich hätte erwarten dürfen. Die Einsendungen zu unserem Thema kamen, nicht "waschkörbeweise", sondern tröpfelten nur spärlich. Zudem war aus diesen Zuschriften, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nurwenigKonkretes zu entnehmen.

Warum diese Zurückhaltung? In einigem zeitlichen Abstand zu jenem Termin, als das Klagen über "Geldmangel" und ungenügende Zahlungsbereitschaft der Kunden allgemein war,läßt sich heute sagen, daß die betreffenden. Erscheinungen in ihrer Bedeutung doch wohl überschätzt worden sind. Es handelte sich da mehrum stimmungsmäßige Verallgemeinerungen einer "flauen Tendenz", als um eine wirkliche Zahlungsstockung. Dies nachträgliche Urteil findet eine gewisse Stütze in der Erkenntnis, daß bereits im zeitigen Frühjahr (1950) eine statistisch faßbare Liquiditätszunahme im Bankenapparat vorlag. Und nicht nur da, natürlich – sondern auch bei einem beträchtlichen Teil der Unternehmungen. Zunehmende Kassen- und Guthabenhaltung, also das, was man gewöhnlich (aber nicht gerade theoretisch einwandfrei) als"verringerte Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes" bezeichnet, überwog bereits zu einer Zeit, als noch allgemein über "Geldmangel" geklagt wurde: bei relativstarker Geldfülle, wie man nun zurückschauend feststellen kann. Inzwischen hat sich die Liquiditätssituation weiter normalisiert, wozu anfangs die allmählich fühlbar werdenden Auswirkungen der Arbeitsbeschaffungsaktion mit beigetragen haben, mögen, mehr aber noch die anziehende Exportkonjunktur, und weiterhin überhaupt der wirtschaftliche Wellenschlag, ausgelöst durch den Koreakonflikt.

Hier ist an die "Hamsterkäufe" der Hausfrauen zu erinnern. Für den Einzelhandel bedeuten sie naturgemäß eine liquiditätsmäßige Entlastung. Das ist freilich auch das einzige Gute, was sich über sie sagen läßt, denn in ihrem Gefolge dürfte das "Anschreibenlassen beim Krämer" wesentlich nachgelassen haben, über das (mit Recht!) bis noch vor kurzem so viel geklagt worden ist: vielfach mehr eine Sache der Hausfrauenbequemlichkeit als der echten Geldknappheit bei Verbrauchern mit geringem Einkommen. "Wegbleiben" der überschuldeten Kunden, Verluste des Einzelhandels und der Zwang, Lieferantenkredit in überstarkem Maße beanspruchen zu müssen, sind (oder waren) die bösen Folgen jener Pumpwirtschaft.

Was im Zahlungsverkehr von Unternehmen zu Unternehmen außerdem noch zu beanstanden ist, haben die Spitzenverbände der Wirtschaft im Bundesgebiet im September noch verlautbart. Die Liste ist nicht sehr lang: Kassa-Skonto nach jeweiliger. Vereinbarung (nicht bei Wechselzahlung, selbst dann nicht, wenn die Diskontspesen übernommen werden – was nicht absolut einleuchtend erscheint); Verzugszinsen "kraft Gesetzes" und evtl. Schadensersatzleistung – durch säumige Schuldner; Aufträge sollten nicht. von Gegenaufträgen des Lieferanten abhängig gemacht werden – das wären die Hauptpunkte. Es folgen noch einige Bemerkungen über Sicherungsübereignung, Ausschluß der Abtretbarkeit von Forderungen Und die vielfach eingerissene mißbräuchliche Anwendungdes gerichtlichen Schuldnerschutzes, sowie Über den Scheck-Zahlungsverkehr; etwas Neues, das auf die etwa noch aktuell vorhandenen Mißstände zugeschnitten wäre, ist damit kaum gesagt.

Wie sich das Bild gewandelt hat, wird deutlich, wenn man sich daran erinnert, daß noch vor einem halben Jahr die Spitzen verbände der Textilwirtschaft ihre Mitglieder zur "Vertragstreue" aufriefen, weil "unter dem auf dem Markt lastenden Druck" versucht werde, "sich der Erfüllung eingegangener Verträge durch die verschiedenartigsten Manipulationen zu entziehen", und zwar sowohl seitens der Lieferanten wie seitens der Abnehmer. Inzwischen haben wie auch da die Akzente völlig verschoben, sich "Käufermarkt" zum "Verkäufermarkt", und nun hätte sich die Mahnung, falls ihre Wiederholung etwa notwendig sein würde, wohl mehr gegen die Produktionsbetriebe zu richten ... Allgemeiner Natur sind die Klagen über eine zu starke Verschiedenheit in den Konditionen der einzelnen Branchen, was sich besonders da ärgerlich bemerkbar macht, wo Lieferungen, für die 30 Tage Ziel gilt, mit Gegenlieferungen zusammentreffen, für die erheblich längere Zahlungsfristen "branchenüblich" sind. Weiter wird darüber geklagt, daß nach erheblicher Zielüberschreitung (und eventuell nach mehrfachen Mahnungen) der Kunde, wenn er endlich zahlt, die üblichen 2 v. H. Skonto (für Zahlung bar bzw. innerhalb von acht Tagen) "selbstverständlich" einbehält, um sich dann, auf das Unzulässige seines Verhaltens hingewiesen, mit der Redensart zu rechtfertigen: dergleichen werde von der Konkurrenz akzeptiert – man möge also bitte nicht so "kleinlich" sein! Wenn nun noch hinzukommt, daß der säumige Zahler in seinem persönlichen Auftreten mehr als "großzügig" ist, so daß etwa der Eindruck entsteht, er bürde die Kosten für sein voreilig oder reichlich teuer gekauftes "Geschäftsauto" seinen Lieferanten auf, kann eine Verstimmung kaum ausbleiben. – Anderseits ist, bei knapper Ware, die Ausnutzung einer Machtstellung seitens des Lieferanten (durch Förderung von Vorauszahlungen), oder etwa durch die früher in dem betreffenden Geschäft nicht übliche Kondition "Dokumente gegen Kasse" geeignet, in gleicher Weise verbitternd zu wirken. Je stärker die Engpässe im Warenbezug fühlbar werden, um so mehr muß man eben auf Klagen wegen irgendwelcher "Knebelungspraktiken" gefaßt sein... G. K.