E. G. London, im Januar

Als vor einigen Wochen zwischen England und den USA das vorläufige Ende der Marshall-Hilfe für Großbritannien vereinbart wurde, war auch der Zeitpunkt gekommen, um einen alten Streit zwischen den beiden Regierungen zu begraben: Seit September 1949 wollte sich Washington nicht damit zufrieden geben, daß die in England entstehenden Counterpart Funds, die Gegenwerte der Marshall-Dollar in Pfund Sterling, "nur" zur Verminderung der britischen Staatsschuld dienen sollten. Man wollte etwas "Sichtbares", etwas, was "vorzuzeigen" war.

Die Engländer wollten gern Dank abstatten, wo Dank gebührt, wollten gern erklären, daß diese oder jene Maschinen Teil der Marshall-Hilfe bildeten. Doch mit den Geldern war das etwas anderes; das Geld – in Sterling – konnten die Engländer selbst aufbringen und hatten sie aufgebracht. Jeder Marshall-Dollar kaufte Maschinen oder Tabak oder Weizen, die man sonst nicht hätte kaufen können, jedes Marshall-Pfund aber, das aus dem Verkauf der Marshall-Güter in England entstand und in England zusätzlich investiert werden sollte, mußte – angesichts der Vollbeschäftigung – inflationistisch wirken. Es war ein zähes Ringen zwischen amerikanischem Prestige und britischer Realistik. Einmal schien es, als ob man an Stelle britischer Staatspapiere die alten Rechnungen für bereits (mit Geldern britischen Ursprungs) gebaute Stahlwerke auskramen müßte. Ein andermal war man nahe daran, die amerikanische Zustimmung für die britische Schuldentilgung mit den "Gegenwerten" wieder zu erhalten.

Doch nichts Endgültiges geschah bis zum Ende der Marshall-Hilfe, als England "siegte". Zu den mehr als 200 Mill. £, die bereits vor Beginn des Streites aus Gegenwerten zur Schuldentilgung dienten, sind nunmehr weitere 266 Mill. £ getreten, der Rest des Kontos, soweit die Marshall-Lieferungen erfolgt und abgerechnet sind. Ein erheblicher Restbetrag wird noch folgen im Verlaufe der Abwicklung. Und 5 v. H. der Gegenwerte stehen den Amerikanern für genau umrissene Sterling-Ausgaben in England zur Verfügung.

Noch ein anderer "Gegenwert"-Aspekt verdient jedoch Beachtung. Ohne die Marshall-Hilfe und die Devisen-Einsparung, die sie erbrachte, wäre es England in den Nachkriegsjahren kaum möglich gewesen, einen Kapital-"Export" zu betreiben, der nur deshalb so wenig beobachtet worden ist, weil er auch eine Schuldentilgung – im Auslande – darstellte. Die Sterling-Guthaben Indiens, Pakistans, Ceylons, Malayas, Palästinas, Ägyptens, um nur die wichtigsten Gläubiger zu nennen, haben sich seit Kriegsende erheblich verringert, nachdem sie im Kriege, vor allem durch britische Ausgaben im Rahmen der (eigentlich gemeinsamen!) Kriegsführung, in die Höhe geschnellt waren. Bei Kriegsende beliefen sie sich auf rund 2 Milliarden £; inzwischen haben sie sich um ein gutes Viertel vermindert. Allein die Zum Empire gehörenden Gläubiger erhielten für rund 435 Mill. £ Exporte im "Gegenwert".

Hier liegt also der eigentliche "finanzielle" Verbleib der England gewährten Marshall-Hilfe. Es spricht für das britische Selbstvertrauen, daß man sich unter dem "Colombo-Plan" für die Entwicklung Südostasiens u. a. für die nächsten Sechs Jahre die Verpflichtung aufgeladen hat, Weitere 246 Mill. £ dieser Guthaben in Form von Exportgütern bereitzustellen, obwohl man bereits wissen konnte, daß die Marshall-Hilfe und ihre entsprechende Entlastung der britischen Zahlungsbilanz vor dem Abschluß stand. Hier zeigt sich, daß England sich keineswegs endgültig aus der früheren Rolle des "Kapitalgebers" für Übersee verdrängt fühlt.

Allerdings gilt das mit zwei Abgrenzungen: Von den USA wird von den Empfängern unter dem Colombo-Plan ein Mehrfaches der britischen Leistung erwartet (während rund die Hälfte der erforderlichen Leistungen von 1,868 Mill. £ "intern", vor allem in Indien, aufgebracht werden soll). Und außerdem hat der Staat, etwa bei der Erschließung überseeischer Nahrungsmittelquellen – nicht nur für die unglückseligen Erdnüsse – weitgehend die Rolle privater Kapitalexporteure Übernommen, denen man (nicht nur wegen der beginnenden britischen Aufrüstung) allgemein keine sehr rosige Zukunft prophezeit.