Zum 100. Todestag Lortzings am 21. Januar

In einer Zeit, in der die Menschen so vieles, was aus der näheren Vergangenheit stammt, – angeblich und wirklich – "nicht mehr sehen" oder "nicht mehr hören können", ist es immerhin ein bemerkenswertes Phänomen, daß eine so durch und durch biedermeierliche Kunst wie die Albert Lortzings ihre Unverwüstlichkeit bewahrt hat. Man mag sagen, das erkläre sich aus der Wertbeständigkeit gewisser biedermeierlicher Gemütsanlagen innerhalb bestimmter bürgerlicher Kreise. Aber dabei würde verkannt, daß diese Kreise doch stark zusammengeschmolzen sind. Näher käme man der Sache schon mit der Feststellung, daß jene sentimentale Humorigkeit oder humorige Sentimentalität, die in verschiedenen Mischungsgraden das Kennzeichen der populärsten Lortzing-Opern wie "Wildschütz", "Waffenschmied", "Zar und Zimmermann" oder "Undine" ist, dem unveränderlichen Unbestand des deutschen Volkscharakters angehört, der ohne einen kräftigen Schuß Romantik bisher in keiner Lebenslage auskommen konnte. Ob andererseits die Frische und Natürlichkeit der Lortzingschen Melodik hinreicht, die Dauerhaftigkeit seiner Opern zu begründen, ist ziemlich fraglich; denn gerade im Punkte des Melodisch-Volkstümlichen ändert sich der Geschmack, auch in den hier speziell angesprochenen Kreisen.

Die zulängliche Erklärung des Phänomens ist indessen woanders zu suchen, und sie weist auf eine viel nüchternere, robustere Ursache hin. Das Geheimnis liegt in der handwerklichen Tüchtigkeit dieser Werke, in der sie die meisten, auch die an sich viel bedeutenderen deutschen Opern des landläufigen Repertoires, weit übertreffen. Es sind richtige, handfeste Bühnenstücke, theatergerecht in jeder Einzelheit, von A bis Z für die "Bretter" geschrieben. Solche Opern konnte nur ein Theaterpraktiker zustande bringen, der nahezu sämtliche "Fächer" der Bühnenkunst in seinem beruflichen Wirken vereinigte. Albert Lortzing war Komponist, Librettist, Kapellmeister, Opern- und Coupletsänger und Schauspieler in einer Person. Eine Universalität dieser Art war freilich dazumal nichts so Extravagantes, wie sie uns heute erscheinen muß, wo die Spezialisierung so weit geht, daß sogar noch fast jeder Schauspieler auf ein besonderes Rollenfach, einen bestimmten Darstellungstyp festgelegt, vielleicht sogar verpflichtet ist. Dennoch darf Lortzing auch im Milieu seiner Zeit und in der Sphäre von Theaterverhältnissen, bei denen sich dem heutigen Betrachter das Wort "Schmiere" aufdrängen möchte, als Unikum gelten. Ein Unikum und doch ein Typ. Ein Typ, dessen Wert man gerade in unserer Gegenwart ermessen kann, wenn man hört, daß berufene Urteiler, also Bühnenpraktiker, die permanente "Krise" des Theaters immer wieder auf die Theaterfremdheit, den Mangel an praktischer Erfahrung und handwerklicher Übung bei den Autoren zurückführen. A–th