Eingegangene Verpflichtungen müssen pünktlich und in der vereinbarten Weise erfüllt werden. Das muß jeder Wirtschaftende als seine vornehmste Pflicht betrachten – ganz besonders bei Zahlungsverpflichtungen. Man kann einem Menschen, nicht nur dem Kaufmann, kein besseres Zeugnis ausstellen, als das, daß er pünktlich zahlt. Darum spricht man ja. auch geradezu von einer Zahlungsmoral, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, daß diese Dinge schon in den sittlichen Bereich hineinragen.

Nun soll angeblich diese Schuldnermoral im Schwinden begriffen sein. Das trifft in dieser weitgegriffenen Formulierung zweifellos nicht zu. Die Erscheinungen, die damit verurteilt werden sollen, haben zum größten Teil andere Ursachen und entspringen anderen Motiven. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß die Schuldnermoral in den letzten Jahren manchmal einer starken Belastungsprobe ausgesetzt worden war. Wenn z. B. beim Zusammenbruch die Verpflichtungen des Staates und staatlicher Stellen annulliert oder ihre Regulierung doch ausgesetzt, Forderungen dagegen dem Gläubiger, also dem gleichen Kontrahenten gegenüber, geltend gemacht und manchmal sogar rigoros eingezogen wurden, wenn Geschäftspartner der I. G. Farben Verpflichtungen dem einen Werk gegenüber abdecken müssen, Forderungen an ein anderes Werk aber nicht verrechnen dürfen, wenn die Kreditinstitute keine Habenzinsen vergüten durften, Sollzinsen dagegen berechnen mußten, wenn bei der Geldreform die ursprünglich gemachten Zusagen nicht eingehalten wurden – so bäumte sich das Rechtsempfinden der Betroffenen gegen diese und manche anderen Maßnahmen auf, und als Reaktion wurden dann oft Vorsätze gefaßt, die einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens hinderlich sind. Jedenfalls ist es für einen verständigen Mann sehr schwer, die also Betroffenen zu beruhigen und davon zu überzeugen, daß es sich um außergewöhnliche Situationen handelte, die eben außergewöhnliche Maßnahmen erforderten.

Die schleppende Zahlungsweise beruht in erster Linie darauf, daß seit der Geldreform die Betriebsmittel sehr knapp sind und ihre Beschaffung ziemlich kostspielig ist. Der Kunde hat nun das Bestreben, die Erledigung seiner Verpflichtungen von dem Eingang seiner eigenen Außenstände abhängig zu machen. Er möchte die Kosten, die durch die Inanspruchnahme eines Bankkredits entstehen, sparen, d. h. auf den Lieferanten abwälzen; denn er nimmt den Kredit des Lieferanten in Anspruch, ohne dafür, eine Vergütung – in Form von Verzugszinsen etwa – zahlen zu wollen. In vielen Fällen wird der Kunde sich nur deshalb so verhalten, weil seine Kunden ihm gegenüber in gleicher Weise verfahren. Ein Kaufmann sagte einmal, er zähle nicht zuletzt deswegen pünktlich, weil er dadurch vielleicht einen Stifter eigenen Kunden in den Stand versetze, auch ihm pünktlich Anschaffung zu machen, Wenn alle so handeln würden, wäre das Problem gelöst.

Aus der geschilderten Situation haben sich nun einige "Unarten" entwickele. Da, ist zunächst, die übergroße Mahnempfindlichkeit vieler säumiger Kunden. Es wird dem nach angemessener Frist Mahnenden "Mangel an Verständnis für die augenblickliche Lage" vorgeworfen; er sei der einzige von zahlreichen Lieferanten, der keine Geduld habe, so heißt es, und es wird mit Streichung von der Lieferantenliste gedreht. Andere Kunden reagieren auf Mahnschreiben überhaupt nicht, sondern legen sie unerledigt ab und zahlen, wenn sie den Zeitpunkt dafür für gekommen erachten. Aber es gibt auch Kunden, die als Begründung für eine verspätete Zahlung angeben, sie seien ja nicht gemahnt worden.

Viele Kunden zahlen nicht pünktlich, obwohl ihnen ein Bankguthaben oder ein Wechselportefeuille oder Bankkredit zur Verfügung steht, um Zinsen und weitere Kreditkosten zu sparen. Sie lehnen dann selbstverständlich die Zahlung von Verzugszinsen – unter ähnlichen Begründungen und Drohungen wie die Mahnempfindlichen – kategorisch ab. In dem Bestreben, Zinsen zu sparen, verfügen ferner manche Kunden über avisierte Postscheck- und Banküberweisungen. Bei der Postscheck Überweisung rechnen sie damit, daß der Auftrag ein bis zwei Tage später beim Postscheckamt vorkommt; oft ersuchen sie den Lieferanten aber auch, ihn erst nach mehreren Tagen weiterzugeben. Vordatierte (Bank-) Schecks müssen, wenn sie den ihnen vom Kunden zugedachten Zweck erfüllen sollen, frühestens am Ausstellungstag präsentiert werden. Es ist in derartigen Fällen schon das Ansinnen gestellt worden, Schecks 10 bis 14 Tage liegen zu lassen. Solche Kunstgriffe versuchen Kunden, die im Augenblick nicht zahlen können; sie wollen damit dem Lieferanten ihren Zahlungswillen zum Ausdruck bringen und ihn veranlassen, nicht mehr zu mahnen. Da mit dieser Übung aber praktisch dem Lieferanten nicht gedient ist, sollte die Kundschaft davon Abstand nehmen.

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Als wenig fair muß bezeichnet werden, wenn Kunden zunächst erheblich in Zahlungsverzug gehen und dann durch Akzept regulieren möchten, das Papier dann aber mit der üblichen Laufzeit; vom Zeitpunkt der Hergabe statt der Fälligkeit der Schuld ausstatten, Angenommen, ein Kunde hat einen Monat Ziel, geht mit einem weiteren Monat in Zahlungsverzug und verlangt dann Annahme eines Dreimonatsakzeptes, dann beansprucht er damit einen Gesamtkredit von fünf Monaten. Wenn der Lieferant ihm dann aber vier Monate Diskont berechnet, für einen Monat also gewissermaßen Verzugszinsen, wehrt er sich dagegen ganz entschieden; er will nur für drei Monate Diskont zählen.