Wie Mao Tse-Tung die Macht in China eroberte

Von Emily Hahn

Emily Hahn, die amerikanische Autorin unserer heute beginnenden Veröffentlichungsreihe, hat während ihres langjährigen Aufenthaltes in China oft Gelegenheit gehabt, Mao Tse-Tung zu sehen, den jetzigen Herrn des chinesischen Reiches, einen der mächtigsten Menschen der Erde. Heute, da Mao Tse-Tung im Mittelpunkt des fernöstlichen Krieges steht, ist Emily Hahns aus persönlichem Erleben und eigener Kenntnis des Landes gegebener Bericht von besonderer Bedeutung.

Vor fünfzehn Jahren gab ich in Schanghai eine Zeitschrift mit Namen Free Speech heraus. Ein chinesisches Mädchen, das zu meinen Mitarbeitern gehörte, fragte mich eines Tages, ob ich keine Wohnung für sie wüßte. Zufällig hatte ich in meinem Hause ein leeres Zimmer; so gab ich es ihr.

Sie pflegte mir von Mao Tse-Tung, dem Führer der chinesischen Kommunisten zu erzählen. Schon damals sprachen viele Leute von ihm. Denn er hatte gerade den Langen Marsch – diesen legendären Treck seiner Anhänger über Tausende von Meilen chinesischen Landes bis in die Grenzwildnis von Yenan, geführt, wo sich ein kommunistischer Staat außerhalb der Reichweite von Tschiang Kai Schek entwickelte. Schließlich brachte sie mir drei Artikel, die Mao selbst geschrieben hatte, und forderte mich auf, sie abzudrucken.

Ich sah mir die Artikel an, die in chinesischer Sprache geschrieben waren: sie schienen mir nicht besonders bemerkenswert zu sein. Sie handelten von der Kollektivarbeit in der Landwirtschaft und waren im marxistischen Jargon geschrieben, der im Chinesischen der gleiche ist wie im Englischen oder in irgendeiner anderen Sprache. Immerhin: Der Name Mao stand häufig auf den Nachrichtenseiten der Zeitungen, also druckte ich seine Artikel ab.

Ich war aber, glaube ich, nicht nur Maos Chefredakteur. Die Geschichte hatte nämlich noch eine Fortsetzung. – Als meine junge Mieterin 1938 auszog, bat sie mich, das Zimmer einem ihr bekannten jungen Paar zu überlassen. Es werde damit keinen Ärger geben, sagte sie. Ich war einverstanden, und das Paar zog ein. Die beiden gingen immer erst nach Einbruch der Dämmerung aus und ließen sich tagsüber die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. Was sie eigentlich taten, war nicht recht klar. Sie trugen die blauen Baumwollkleider der arbeitenden chinesischen Bevölkerung, aber sie sahen nicht wie Arbeiter aus.