Als Lena in ihrer zweiten Ehe vierzehn Tage verheiratet war, geschah es eines Morgens, daß sie – vor dem Frisierspiegel sitzend – plötzlich innehielt und ihr Antlitz betrachtete. Und sie sagte zu sich selbst: "Du bist eine andere, mein Kind, als ehedem."

Sie war keine Frau, die Angst hatte vor den Spuren, die die Liebe in die Gesichter der Menschen einzugraben vermag. Auch fürchtete sie nicht die prallere Wölbung der Lippen, mit der die Münder mancher Frauen aus manchen Nächten auftauchen. Die Frau vor dem Spiegel sah nicht das Bild ihres Antlitzes, sondern sie starrte in das Gesicht hinter der Maske. Sie schaute in das Vergangene gleichermaßen wie in das Gegenwärtige, und ebenso blickte sie in die Zärtlichkeiten, die morgen sein würden. Es fiel ihr ein, daß sie mal irgendwo gelesen hatte, Frauen seien "wie ein Echo". Die Herren Dichter machten es sich leicht, so überlegte sie. Die Guten betrachteten die Liebe wie das Hineinrufen in einen Wald und waren stolz auf das Echo, das ihre Ohren einfingen. So betrachteten sie die Frau als das Abbild ihres Wesens und Willens und warfen sich in die Brust und rühmten sich: sie ist mein Werk! Und die Zärtlichkeiten, zu denen sie sich entschloß, verbuchten sie auch als "ihr Werk". Behutsam lächelte Lena über diese Simplizität im Garten der Liebe. Sie gestand sich ein, daß sie mit Werner, dem Arzt, mit dem sie jetzt verheiratet war, in anderer Weise zärtlich war als mit Heinz, dem Architekten, der von einem Neubau tödlich abgestürzt war. Und je mehr sie das Bild jener Lena von ehedem mit dem Bild ihrer gegenwärtigen Zärtlichkeiten verglich, um so mehr erschrak sie. War sie nicht gleich einer Tänzerin mit wiegenden Hüften aus ihrem alten Gehäuse hervorgetreten? Hatte sie nicht Hunger auf Dinge, von denen sie nie etwas geahnt hatte? Und hatte nicht in ihr verborgen ein Wissen um das Ritual der Leidenschaft auf der Lauer gelegen, das sie plötzlich, wie von Scheinwerfern beleuchtet, auf eine Bühne zwang? Das Seltsamste war: es störte sie nicht. Weder die Bühne noch die Scheinwerfer noch die Nuancen des Rituals verwirrten sie.

"Mädchen, du machst dich!" hätte Lena gesagt, wenn sie sich mit der herkömmlichen Selbstbeweihräucherung begnügt hätte. Das tat sie nicht. War alles anders, weil Werner anders zu ihr war als Heinz? Sie war ehrlich genug, zuzugeben, daß auch Heinz anders zu ihr gewesen wäre, wenn ihn eine Ahnung des Hungers angeweht hätte, der jetzt regelmäßig in ihr war.

Sie blickte? von dem Spiegel fort aus dem Fenster, und vom Fenster kehrten ihre Blicke in das Schlafzimmer zurück. "Es gibt keinen Ort, der so viel Verlassenheit offenbart wie das einsame Lager eines Liebespaares am Morgen", mußte sie denken. Und sie wunderte sich sehr über ihre Gedanken: bei Heinz waren unordentliche Decken nichts gewesen als eine Sache, die man glätten muß –, bei Werner aber erzählten sie eine Geschichte, eine lange, zärtliche, ja, man konnte fast sagen endlose Geschichte.

Die Möbel gerieten eins nach dem anderen in Lenas Blickfeld. Es waren moderne Stahlmöbel, ohne Arabesken und Schnörkel, ohne Muscheln und Schnecken und – ohne Vergangenheit. Und plötzlich wußte sie: dies ist wichtig, daß sie ohne Vergangenheit sind. Dann erinnerte sie sich an das Schlafzimmer, das sie mit Heinz geteilt hatte. Es waren Möbel aus dem versinkenden Rokoko gewesen, wertvolle Stücke, der Stolz des Ehepaares. Jetzt war es Lena, als hätten die Liebes-Steuerungen früherer Jahrhunderte noch darin gewohnt. Als wäre die Wehmut einstiger Liebesschwüre, die gebrochen wurden, von Stück zu Stück geschleiert, gleich einem unsichtbaren Altweibersommer, und als wären die Stimmen der lebenden Menschen ganz klein geworden in dem Geflüster der Vergangenen, das noch in den Dingen war.

Lena fürchtete sich jetzt vor jenem Schlafzimmer, das sie später verkauft hatte, als sie Geld brauchte. Es kam ihr vor, als wäre sie darin eine Fremde gewesen, ein Gast in einem Schlafarsenal, das älter und würdiger war als sie und älter und würdiger werden würde als sie. Und waren nicht auch ihre Zärtlichkeiten wie kleine Versuche eines Adepten gewesen, der vor dem Wissenden, paradieren muß? Das stahlgeflochtene, moderne Schlafzimmer, in dem sie jetzt saß, war anderer Art. Sein Leben hatte begonnen mit ihrer Ehe. Das war nicht die Grotte mit dem Flüstern der Liebenden von ehedem, sondern es war darin eher die Freiheit der Sprungtürme, wie sie an den Ländern der Seen, der Flüsse und Meere stehen. Und standen nicht die Mädchen frei und offen auf diesen Türmen und boten sich dem zärtlichen Winde dar, und das Zwielicht der Grotten und Baldachine war wie ein ferner, trauriger Traum?

So kam Lena an einem Morgen vierzehn Tage nach Beginn ihrer zweiten Ehe zu einer Deutung jenes stärkeren Schwingens und jenes mehr unbekümmerten Hungers, die in ihr erwacht waren. Und sie dachte: vielleicht sind wir Frauen doch – "wie ein Echo"? Aber dann sind es unheimlich viele Stimmen, die dieses Echo auslösen, nicht nur eine, die Zärtlichkeiten sagt.