Wenn Westeuropa in die Hände Sowjetrußlands fallen sollte, würden die Sowjets die doppelte Menge Kohle und die dreifache Menge Stahl erhalten, wie sie jetzt kontrollieren. Die Beherrschung der Menschenreserven der freien Nationen Europas und Asiens durch die Sowjets würde uns militärischen Streitkräften gegenüberstellen, denen der Westen niemals Gleiches entgegenzusetzen hoffen könnte. In einer solchen Lage könnte die Sowjetunion ihre Forderungen durchsetzen, ohne einen Konflikt vom Zaune zu brechen. Es genügte dann einfach das Übergewicht ihrer Macht. – Das ist die Stimme Amerikas, genauer: dies sind Sätze aus der State-of-Union-Botschaft Präsident Trumans vom 8. Januar.

Diese Beurteilung der Lage hat die USA dazu geführt, ihre Form der kollektiven Sicherheit und ihr Rüstungspotential in die Waagschale zu werfen. Erkennt man diesen politischen Willen an, dann lohnt es sich, die Organisation der Aufrüstung unserer westlichen Welt zu debattieren.

Die Amerikaner reden nicht nur, sie handeln! 1600 Panzer, 750 Geschütze, 6000 Kraftfahrzeuge, 600 Flugzeuge, 50 Kriegsschiffe, Munition, Nachrichtengerät und Infanteriewaffen haben sie bis jetzt an Westeuropa und an Mittelmeerstaaten geliefert. Mit einem Aufwand von zusätzlichen 40 Mrd. $ läuft die Rüstungsmaschinerie "im zweiten Gang" an. Für die nächsten zwei Jahre ist an einen Rüstungshaushalt in Höhe von 140 Mrd. $ gedacht, von denen die augenblicklichen Ausgaben nur den Anfang bedeuten. 35 000 Panzer und 50 000 Flugzeuge Jahresproduktion sowie eine zusätzliche Armee von einer Million Mann – das ist der Kern dieser Bemühungen. Und mit Charles Wilson, der nur dem Präsidenten untersteht, hat Truman einen Rüstungsorganisator gefunden, der wohl in der Lage ist, jeden Kompetenzstreit der sich als "rüstungswichtig" betrachtenden Verwaltungen zu unterbinden und die Dynamik der Wirtschaft zu erhalten. Er kann Preise und Löhne stoppen oder ändern, knappe Rohstoffe lenken, Produktionsgebote und -verbote erlassen und auch in die Geldseite eingreifen. Wilson gebraucht seine Gewalt: Amerika ist auf dem Weg zu totalen Rüstungswirtschaft, soweit im Frieden – gerade diesen gilt es ja zu erhalten! – die Priorität der-Rüstung überhaupt durchgesetzt werden kann.

Auch Großbritannien strengt sich an. Das neue Verteidigungsbudget wird zusätzliche militärische Ausgaben in Höhe von 11 Mrd. £ (53 Mrd. DM) vorsehen. Auch hier hat die Regierung die Freiheit, Produktionsgebote und -verbote auszusprechen. Und sie nutzt sie.

Frankreichs neueste Rüstungsvorlage sieht für 1951 Ausgaben in Höhe von 8,82 Mrd. DM vor. Ein "Kreditgeschenk" der USA sichert die Waffenhilfe.

Die Zahlen zeigen, daß die Staatsausgaben der westlichen Welt lawinenartig ansteigen, Sie sollen vorwiegend aus Steuern finanziert werden – ohne den Lebensstandard der Bevölkerung durch offene oder verdeckte Inflation oder (was auf das gleiche hinausläuft) durch Verringerung des Konsums und der Kapitalbildung absinken zu lassen. Das gelingt natürlich nur, wenn das Sozialprodukt vermehrt werden kann und wenn jede zusätzliche Leistung über den heutigen Stand hinaus allein dem Staatsbedarf zugute kommt. Welche Methode ist einer solchen Politik angemessen?

Es gibt einen wohlassortierten Werkzeugkasten wirtschaftspolitischer Mittel, von der Wissenschaft vorurteilsfrei erarbeitet. Es ist Aufgabe des Politikers, jeweils das zweckmäßigste Instrument zu wählen und zu verwenden – wenn wir bei allen Politikern unterstellen, daß sie Realpolitik treiben wollen. Handeln sie so, dann entscheidet allein Logik und Erfahrung und die wirtschaftliche Konstellation.