In der Hamburger Kunsthalle wurde in diesen Tagen die neu aufgestellte Plastik-Abteilung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Überblick, den sie gibt, reicht von Schadow und Rauch (Goethebüste) über Carpeaux und Meunier zu Rodin, Maillol, Barlach, Lehmbruck, Gerhard Marcks, Edwin Scharf, dem 1942 gefallenen Blumenthal und jüngsten Begabungen wie dem 1921 geborenen Fritz Fleer.

Arbeiten des Engländers Henry Moore waren letztes Jahr in den gleichen Räumen zu sehen. Der Eindruck, den sie hervorriefen, ergänzt, zusammen mit dem der nun gleichzeitig im selben Hause vom Kunstverein gezeigten Skulpturen des fünfunddreißigjährigen Berliner Akademie-Professors Bernhard Heiliger, das Übersichtsbild des Kunsthallen-Besitzes auf hochinteressante Weise und regt dazu an, Betrachtungen über die Entwicklung der Plastik bis in die unmittelbare Gegenwart anzustellen.

Bei der Eröffnung der Heiliger-Ausstellung sprach C. A. Isermeyer von drei Aspekten der Plastik: dem materialhaften, dem abbildhaften und dem formhaften. Materialhaft ist auch schönein Marmorblock, abbildhaft auch eine Panoptikumsfigur, formhaft eine Vase. Das Formhafte ist also das eigentlich Künstlerische.

In der Sammlung der Kunsthalle befindet sich (als Neuerwerbung) ein insgesamt nur in drei Exemplaren vorhandener Entwurf Rodins zu einem der Bürger von Calais, eine lebensgroße, nackte männliche Bronzefigur. Sie ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die Wandlung, die sich in der Plastik an der Wende der Jahrhunderte vollzieht. War das Kennzeichen des neunzehnten Jahrhunderts vom Klassizismus angefangen eine Nachahmung aller bisherigen Stile und eine sich immer mehr steigernde Vorherrschaft des Abbildhaften gewesen, so zeigen Rodins Skulpturen einen ganz neuen plastischen Zugriff. Es geht um das Festhalten eines Momentes, der für das Dargestellte wesentlich ist. Rodin gibt die Gebärde wieder, in der sich eine seelische und geistige Verfassung auszudrücken vermag. Das Kunstwerk wird dadurch geschlossener in der Form; es empfängt eine tiefere Realität als die äußerlich realistischen Darstellungen des neunzehnten Jahrhunderts. Dem Abbildhaften wird ein minderer Rang zugewiesen, das Formhafte tritt in den Vordergrund. So entstehen Werke wie diejenigen Barlachs, Lehmbrucks, Despiaus. Ganz auf das Formale bezogen, nicht ohne Einfluß vonPicassos kubistischen Arbeiten, and dann die Skulpturen Archipenkos.

Der Kubismus ist heute historisch. Deswegen lassen sich seine weitreichenden künstlerischen Auswirkungen bereits übersehen. Neben exotischen Vorbildern kommt ihm erhebliche Bedeutung für die Kunst Henry Moores zu, dessen Figuren auch die lastende Schwere gleicher Gestalten aus Picassos späterer klassizistischer Periode eigen ist.

Bei Heiliger läßt sich ähnliches feststellen. Die Priorität in der Erfindung derjenigen Formen, deren er sich im Augenblick bedient, liegt jedoch nicht bei ihm. Man hätte gewünscht, mehr frühere Arbeiten zu sehen. Die Ausstellung zeigt nur eine einzige kleine Figur von 1945, eine Jäterin, die sich in ihrem anspruchslosen Stil kennzeichnenderweise von allen anderen – erst nach dem allgemeinen Bekanntwerden Henry Moores in Deutschland entstandenen – Werken Heiligen unterscheidet. Sein außerordentlicher plastischer Sinn kommt allerdings überall zum Ausdruck, seine Produktivität ist beachtenswert, und er hat noch ein Leben vor sich. Was man von ihm erwarten kann, wird vor allem davon abhängen, wie sich sein Stil nach Oberwindung der gegenwärtigen Periode entwickeln wird.

Bernhard Heiligers Kunst, so "wurde gesagt, sei betont formhaft, jedoch abbildhafter als diejenige Moores. Man mag sich Moores eigene Worte vergegenwärtigen, nach denen es ein Eindringen in eine tiefere Wirklichkeit bedeuten kann, wenn ein Werk keine Naturnachahmung anstrebt. Es fragt sich, ob Heiliger in seinen letzten Arbeiten nicht doch ein Nachahmer ist – wenn nicht der Natur, so vielleicht der Kunst Henry Moores.

Immerhin ist sein Werk auch heute schon von nicht zu übersehender Wichtigkeit für die künftige Situation der Plastik. Daß es gerade in Berlin entsteht, mag ein Zeichen dafür sein, daß aus der künstlerisch und geistig anregenden Atmosphäre dieser Stadt nach wie vor maßgebende Entwicklungen der deutschen Kunst hervorgehen. Hans Jürgen Hansen