Euripides-Uraufführung in München

München, im Januar

Was für eine bannende Gewalt von dem Chor im Drama ausgehen kann, ist zuletzt in der hiesigen Aufführung von Carl Orffs "Bernauerin" bei der Szene von der Ertränkung der armen Agnes zu erfahren gewesen. Wer es miterlebt hat, wie das Hexengesindel dort, von einem Absperrseil wie für Zuschauer mühsam gebändigt, geile Neugierde, Lust am Jammer der Hilflosen und wüsten Hohn über ihren Untergang mit der fidelen Frechheit unbeteiligter Dämonen zum Ausdruck brachte, wird den Schauder nicht so bald vergessen, der ihn da überkam. Sie waren verlarvt, grausige Puppen mit übergroßen Häuptern, und doch sind sie uns nicht fremd, sondern beklemmend vertraut vorgekommen.

Die Chöre sind denn auch in der deutschen Uraufführung von Euripides"Elektra", welche die Schauspielschule der Münchner Kammerspiele der gleichnamigen Tragödie des Sophokles unter der Regie Gerhard F. Herings folgen ließ, das Beste gewesen. Die jungen Schülerinnen wußten die getragenen und die lyrischen Partien unisono und die rhythmisch meisterhaft gestuften heftigen Anreden mit der Klarheit und Eindringlichkeit zu sprechen, die bei den übrigen Darstellern meistens noch ein unerfüllter Wunsch bleiben sollte. Leider war versäumt worden, den Chor zu verlarven, oder durch andere Besonderheiten des Kostüms den Charakter von Erhabenheit deutlich zu machen, der ihm in der antiken Tragödie nun einmal zukommt. Zwar heißt er bei Euripides ausdrücklich Chor der Bäuerinnen von Mykene –, aber wenn sie sich im übrigen schon nicht naturalistisch bewegten, sondern in feierlichen, zuweilen dem Tanz angenäherten Auftritten, so sah man mit Unbehagen, daß sie nicht einmal geschminkt, sondern mit den zeitgenössischen Angesichtern daherkommen mußten, die man auf der Trambahn auch zu sehen kriegt, und in einer besonders tristen Aufmachung, die an Scheuerfrauen denken ließ. Denn der Versuch, uns wieder einmal mit einer attischen Tragödie bekanntzumachen, einer auf deutschen Bühnen noch nie gewagten zumal, ist höchst dankenswert. Wirklich hatte sich auch zu später Nachtstunde ein bemerkenswert zahlreiches und anteilnehmendes Publikum eingefunden, gegen die Voraussage, die dem Berichter jeden Platz, den er noch fordern würde, in Aussicht gestellt hatte. Er mußte sich in eine Ecke drücken und tat es mit Genugtuung, auf solche Weise am schönsten überzeugt, daß es mit der viel beschrienen Theatermüdigkeit doch nicht weit her sein kann. Das unbegreiflich großartige Menschentum der Antike, Göttern und Dämonen in jedem Lebensaugenblick verhaftet, auch noch bei diesem späten Euripides, wetterleuchtete denn, nicht zuletzt dank der vorzüglichen Übersetzung von Ernst Buschor, immer wieder auch durch die etwas trübselige und wenig antikische Farblosigkeit dieser Studioaufführung.

Es heißt, daß Euripides sich als erster des deus ex machina zur endlichen Schlichtung des Verhängnisses bedient habe. Wirklich traten hier deren zweie auf, das Zwillingspaar der Dioskuren, und halfen dem Orest, den nach dem rächenden Mord an der Mutter ein Grausen über die eigene, eben noch ersehnte Untat überkommt, seines Weges mit entsprechenden Anweisungen und Voraussagen ein Stück weiter und verlobten seine Schwester an der Mordstelle senem Freunde Pylades an. Darüber fällt das grausige Wort, daß Helena, die Stifterin des trojanischen Unheils, nach dem Willen des Allvaters Zeus überhaupt nie in Troja gewesen sei. Große Zeiten für Unheilsverkünderinnen von der Beschaffenheit Kassandras wieder einmal vor uns, Sei uns dabei unsere eigene Erfahrung nach zwei Kriegen schwer auf das Herz. Helena scheint überhaupt nie in Troja zu sein, wenn es sich meist auch erst herausstellt, wenn die Grabhügel sich schon bis zum Himmel getürmt haben. Nach solchen entsetzlichen Mitteilungen verschwanden die Götterboten mit verstimmender Beiläufigkeit um die nächste Ecke. Aber freilich ist das überzeugende Erscheinen und Verschwinden von Göttern für unsere Bühne eine kaum mehr lösbare Aufgabe. Gunhild Keetmann hatte nach den Arbeitsprinzipien des Schulwerks von Carl Orff eine mit scharfen Akzenten und erregenden Klangmischungen dem antiken Vorwurf sehr entsprechende Bühnenmusik geschaffen.

Paul Alverdes