Michail Sostschenko, der vom "Glück im Badezimmer" schrieb, von den "Wanzen in Festbeleuchtung", der "Schlaf schneller, Genosse!" rief und all die vielen anderen Geschichtchen aus dem sowjetischen Alltag zwanzig Jahre lang zum Besten gab, könnte auch weiterhin Buch auf Buch über Wanzen und Bonzen, Aktivisten und Polizisten folgen lassen, er brauchte sich den Stoff dazu nur aus den Zeitungen seines Heimatlandes auszuschneiden, wie ich es getan habe. Jede einzelne dieser "Leserstimmen" gäbe eine reizende, echte Sostschenko-Satire. Aber seit der gefeierte und mit Preisen ausgezeichnete Dichter 1947 in Ungnade fiel und vorübergehend aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde, ist er schweigsamer geworden, und das Material muß ungeformt bleiben:

Einen Einwohner von Kaluga erkennt man an seinen Hosen. Er trägt schwarze gestreifte Hosen (Artikel 107 im Warenverzeichnis). Seit drei Jahren haben die Schneidereien in unserer Stadt und der weiteren Umgebung kein anderes Material zugeteilt bekommen." ("Iswestija")

Ein unzufriedener Käufer des Warenhauses "Djetski Mir" in Charkow hat sich das Beschwerdebuch geben lassen. Was er dort fand, teilt er seiner Zeitung mit: "Ich brauchte Gummischuhe. Man verkaufte sie mir nur zusammen mit Turnhosen... Warum mußte ich als Nichtraucher ein Zigarettenetui kaufen, obgleich ich nur ein Paar Pantoffeln wollte...? Ich wollte einen Teppich kaufen, aber ich sollte auch Gardinen mitnehmen. Ich brauche aber keine Gardinen ...!" ("Trud")

Seit Sostschenko "Schlaf schneller, Genosse!" schrieb, ist das Thema Raummangel noch immer aktuell. Ein Leser bemerkt dazu: "Im Hause des Staatsverlages in der Moskauer Orlikow-Straße haben acht Redaktionen von wissenschaftlichen Organen je 0,75 Quadratmeter Raum. An der Tür zu Zimmer 507 findet man eine Reihe Schilder, wie zum Beispiel .Verlag für mathematische Literatur ‚Redaktion des technischen Wörterbuches’ und so weiter. Im Zimmer gibt es mehr verschiedene Redaktionen als Tische. Die Leute, die hier arbeiten, sind Mitglieder der Sowjetakademie für Kunst und Wissenschaft, aber wenn sie Besuch bekommen, müssen sie ihn auf dem Flur empfangen ..."

("Ukrainski Wisti")

Das ist aber noch nichts gegen die Feststellung, die ein Leser der politisch-satirischen Wochenzeitung "Krokodil" in einem Uralstädtchen machte: "In Nischni Taghil haben sie eine neue Methode erfunden, Häuser nicht zu reparieren. Am Haus, in dem der Bezirkssowjet, die Filiale der Staatsbank, ein Konsumladen und die Lehrräume der Ural-Waggonfabrik untergebracht sind, hängt ein Schild: ‚Nicht stehenbleiben! – Vom Dach fallen Ziegel!’ Seit zwei Jahren haben sich noch keine Handwerker gefunden, den Schaden zu beheben ..." ("Krokodil")

Seit zwei Jahren? Mit einem dreißigjährigen Bauproblem kann die Stadt Tambow, die durch eine Hauptstraße direkt mit Moskau verbunden ist, aufwarten. Der Schriftsteller Nikolai Wirta schreibt an die "Iswestija": "Nicht weit vom Stadtsowjet, inmitten der Staatsstraße, ist ein großes Loch, in dem im Laufe der Jahre schon manche Autoachse gebrochen ist. Die meisten Straßen in Tambow sind ungepflastert. Im Sommer ersticken die Anwohner fast im Staub, im Frühjahr und Herbst ertrinken sie im Schlamm. Wohl denen, die sich dann mit Lebensmittelvorräten eingedeckt haben. Die Pflasterung der Straßen wird seit 30 Jahren diskutiert ..."