Zu den Ursachen des Versagens der Weimarer Republik liefert Professor Ludwig Preller in seiner "Sozialpolitik in der Weimarer Republik" (560 Seiten, Verlag Franz Mittelbach. Stuttgart, 1949) einen wertvollen Beitrag. Das bereits 1933 begonnene Buch macht durch seine Gründlichkeit und Umsicht dem Stuttgarter Professor alle Ehre. Aber Preller (der bis vor kurzem Wirtschaftsminister in Kiel war) hat stets publiziert, um zugleich politisch belehrend zu wirken und dadurch jene Sozialpolitik zu fördern, die nach seiner Überzeugung "eine bestmögliche Ordnung des Sozialgefüges im Hinblick auf das Arbeitsleben der menschlichen Gesellschaft" erstreben soll (nach dem Eindruck des vorliegenden Werkes wird man einschränkend sagen müssen: im Hinblick auf das Arbeiterleben in der Gesellschaft).

Klar gegliedert wird Etappe für Etappe die Bedeutung der Sozialpolitik an ihren (mit den Konjunkturen wechselnden) Hauptaufgaben gezeigt. Teil I schildert die Sozialpolitik des ersten Weltkrieges und beklagt ihr Versagen gegenüber der zu großen politischen und wirtschaftlichen Belastungsprobe. Teil II gibt einleitend eine Gesamtschau (1918 bis 1932) der Struktur der Nachkriegswirtschaft und der Lage auf der Seite der Unternehmungen und der Arbeiterschaft mit vielen Daten und kennzeichnet den bunten ideologischen Überbau der Sozialpolitik mit ihren sich schärfenden Gegensätzen. Wenn Preller das nachdenkliche Kapitel über die "Krisis der Sozialpolitik" erst mit der Notgesetzgebung über die Arbeitszeit (1922/23: Zulässigkeit von Mehrarbeit über den Achtstundentag hinaus) beginnen läßt, betont er wohl zu sehr den äußeren Anstoß. Hätte nicht die Inflation bis 1924 über alles Sozialpolitische einen Schleier gebreitet und die rationalen Kostenprobleme der Produktionswelt verwischt, so hätte die Debatte über die "Krisis der (unfundierten) Sozialpolitik" schon damals die Stärke annehmen müssen, die sie erst nach den Erholungsjahren von 1924 bis 1927 im Zusammenbruch der Scheinblüte erfahren hat.

Den einzelnen Phasen des "historischen Ablaufs" der praktischen Sozialpolitik in allen ihren Zweigen gilt der Hauptteil des Werkes. Für den Fachmann, zumal, wenn er diese problemreichen Zeiten innerlich durchlebt hat, entrollt dieses überreiche Werk ein spannendes Drama, in dem viele, zum Teil schon dem Gedächtnis entschwundene Tatsachen und Personen wieder lebendig werden, freilich nicht selten in anderer Beleuchtung, als sie in der eigenen Erinnerung haften. Aber auch manche nicht unwichtigen Akteure kommen kaum zur Geltung. Doch: die sachlichen Akzente des sozialpolitischen Dramas, das sich in fünf Zeitakten abspielt, verteilt Preller überzeugend auf die tragischen Schicksalsfiguren. Vom Arbeitszeitgesetz abgesehen, steht obenan das einst so vielversprechende Tarifvertrags- und Schlichtungswesen, das die "klassengebundenen Parteien" (ein Standard-Ausdruck des Verfassers) fast ruinierten, indem sie sich aus Verantwortungsscheu schließlich im "politischen Lohn" verfingen. Dann das wirklich großzügige Arbeitsvermittlungs- und Arbeitslosenversicherungsgesetz von 1927 (AVAVG), das aber in der Krisis von 1930 bis 1932 leider manche Notausgänge versperrte; ferner die Sozialversicherung, die an der Überfülle ihrer Segnungen schließlich finanziell erkrankte – alles umrahmt von einer immensen Sozialverwaltungs-Bürokratie und überhangen von der gesamtdeutschen Wirtschaftsnot. Aus dieser aber wollten die Gewerkschaften, trotz ihrer Bereitschaft zur "Erfüllungspolitik", nicht die praktischen Konsequenzen ziehen ("Warum arm sein?" schrieb Tarnow), während die Unternehmer oft zu einseitig auf die Kapitalbildung, auf die wahnsinnigen Reparations-, Steuer- und Zinsenlasten starrten und sich – teilweise – in eine Überrationalisierung und später in den "Export um jeden Preis" verrannten. Denn die Industrie mußte die Lasten in erster Linie aufbringen, da der Landwirtschaft nach der Stabilisierung der Mark bald der Atem verging und der breite Mittelstand, der vor 1914 das wirtschaftliche Rückgrat und den sozialen Puffer zwischen der "Kapitalisten-" und der "Sozialistenklasse" gebildet hatte, durch Krieg und Inflation zermürbt war. Auf diese letzteren wichtigen Momente geht der Autor zu wenig ein, wenig auch auf den häßlichen Konkurrenzkampf innerhalb der Arbeiterschaft, bei dem der Druck der Kommunisten die Mehrheitssozialisten und die Gewerkschaften oft zu übertriebenen Formen verführte, um des Massenanhangs willen – bis die NSDAP sie alle überspielte. Hier wurzeln in erster Linie die schädlichen Kräfte, die die Sozialpolitik der Weimarer Republik zersetzt haben, weniger aber in der Schwerindustrie, wie es nach Preller scheinen könnte. Denn abweichend von seiner Charakterisierung haben viele führende Männer auf dieser Seite für die Notwendigkeiten und die gesunden Triebkräfte der Sozialpolitik (aber auch für ihre Grenzen) ein besseres Verständnis als so mancher Arbeiterführer bekundet. Man darf eben nicht "Sozialpolitik" schlechthin mit der Interessenpolitik der "klassengebundenen Parteien" gleichsetzen; ist doch nach 1918 vor allem die sozial vornehmste Forderung, die nach "sozialer Gerechtigkeit für alle", hinter der Klassengerechtigkeit zu kurz gekommen. Aber jeder Bilanzversuch wird ja politisch schmecken. Prellers großer Versuch aber verdient auch von dem aus, der manches anders sieht und wertet, aufrichtige Anerkennung.

Waldemar Zimmermann