Kurz nach dem endgültigen Abschluß der gesamten Entnazifizierung hat eine Münchener Spruchkammer – gewissermaßen zum nachletztenmal – eine Einstufung ausgesprochen. Sie hat Frau Mathilde Ludendorff unter die Belasteten gereiht, ihr Bußen auferlegt und Verbote über sie verhängt. Das alles geschah mit mindestens vier Jahren Verspätung und verdiente kaum erwähnt zu werden, wäre nicht ein Umstand dabei: die Kammer erkannte, wie dpa meldet, Frau Ludendorff außerdem noch die Doktorwürde ab. Und hier ist Aufmerksamkeit angebracht. Der Doktortitel ist nämlich – was nicht ganz in Vergessenheit geraten dürfte – ein akademischer Grad, das heißt: er wird von einer Hochschule in ihrer Eigenschaft als autonomer Einrichtung verliehen. Die Promotion gehört zu den wenigen Akten akademischer Selbstverwaltung, die die sonst so stark verstaatlichten Universitäten noch vollziehen dürfen. Das müßte auch seine Konsequenzen für die Entziehung der Doktorwürde (die Retromotion sozusagen) haben. Mag man auch finden, daß Frau Dr. Ludendorff mit ihrem Dogma von den "überstaatlichen Mächten", mit ihrem fanatischen Antisemitismus und Antichristentum, mit dieser ganzen in Intoleranz umgeschlagenen extremen Freidenkerei einem widerwissenschaftlichen, sektiererisch bösen Ungeist verfallen ist, mag man die pathologische Überheblichkeit ihres Treibens noch so sehr verabscheuen und wünschen, daß die Leichtgläubigen und für demagogische Parolen Anfälligen vor ihren abstrusen Theorien bewahrt bleiben – das alles ändert nichts daran, daß dieser an einer fixen Idee Erkrankten der medizinische Doktortitel so lange zukommt, bis die Universität, die ihn ihr verliehen hat, ihn ihr (rite oder auch summa cum infamia) aberkennt. Was deutschen Gerichten nicht zusteht, sollten auch Spruchkammern, noch dazu post festum, sich nicht anmaßen. Dieser Spruch wäre für die Tagesordnung der nächsten Rektorenkonferenz vorzumerken – zugleich allerdings auch als Anregung für die nächste Sitzung derjenigen medizinischen Fakultät, die vor Jahrzehnten Mathilde v. Kaunitz promovieren ließ. Ihr würde dann auch ein Psychiater zur Verfügung stehen, der zu beurteilen vermöchte, ob bei diesem Fall die Verwirrung dem Verrat an der Wissenschaft vorhergegangen oder erst nachgefolgt ist. C. E. L.