Gegen Ende des vergangenen Jahres haben die entflochtenen Werke der Eisen- und Stahlindustrie ihre Bilanzen und Abschlüsse veröffentlicht und Hauptversammlungen abgehalten. Die Berichtszeit umfaßte die Monate vom Entflechtungstag bis zur Währungsreform und das erste DM-Geschäftsjahr von der Währungsreform bis zum 30. September 1949, also einen DM-Zeitneues von 15 1/3 Monaten. Inzwischen war ein neues Geschäftsjahr über 12 Monate ins Land gegangen, so daß die Zahlen und Ziffern wohl nicht mehr aktuell sind, aber doch interessieren, weil mit ihnen erstmalig ein kleiner (leider ein wirklich nur kleiner) Einblick in die wirtschaftliche, finanzielle und sozialpolitische Entwicklung von 80. v. H. der eisenschaffenden Industrie gegeben wird. Einige Unternehmungen benutzen die Hauptversammlungen, um von dieser Plattform aus in guter Fortsetzung einer alten Montan-Tradition Ausführungen über die Geschäftslage im Jahre 1950 zu geben und auch einige eisenwirtschaftliche Bemerkungen zu machen.

Wir wissen uns einig mit den Aufsichtsräten der entflochtenen Gesellschaften, wenn wir als Fazit der Bilanzveröffentlichungen sagen, daß von einem "Geist der publizistischen Neuordnung" noch wenig zu spüren ist. Im Gegenteil. Einige Unternehmen erwecken fast den Eindruck, als ob sie in das finanzpublizistische Dunkel der Gründerjahre wieder zurückfallen wollten und in der Verschwiegenheit das juste milieu des Aktienwesens suchen. Neben der Ausführlichkeit jener Berichtsteile, die sich mit den sozialen Leistungen beschäftigen, wirkt mehr als dürftig, was über Produktion, Technik, Forschung und auch über finanzielle Dinge gesagt wird.

Aber es soll nicht ungerecht gescholten werden, denn die Voraussetzungen für ein wirkliches "Röntgenbild" sind auch noch nicht gegeben, da das Wesentliche (also die Anlagewerte und bewertungen) noch offen ist, und die Abgrenzung der neuen Gesellschaften zueinander wie zu den alten Konzern-Familien praktisch noch ungeklärt blieb. Einige Verwaltungen haben uns in den letzten Wochen die Versicherung abgegeben, daß schon die Bilanzen und Abschlüsse für das inzwischen abgelaufene volle Geschäftsjahr zum 30. September 1950 bessere Übersichten geben würden, daß man vereinzelt vielleicht schon zu Brutto-Ertragsrechnungen werde übergehen können, und daß viele "Kinderkrankheiten" überwunden sein würden. Zu diesen Krankheiten gehört u. E. auch die sehr ängstliche Zustellung der Abschlußberichte an die Wirtschaftspresse. Praktisch wurden diese erst am Abend vor den Hauptversammlungen den Redaktionen zugestellt, so daß für Tageszeitungen geradezu eine "Theater-Nachtkritik" geschrieben werden bereits Dabei hat laut Aktiengesetz der Bericht bereits 14 Tage vor der HV öffentlich auszuliegen. Ferner vermissen wir eine Vereinheitlichung grundsätzlicher Zahlen aus Produktion, Investitionen, Löhnen, Leistungseinheiten u. ä. m., um Vergleiche anstellen und Werturteile finden zu können. Uns wurde in Gesprächen zu diesem Thema gesagt, daß "bewußt eine so weitgehende Angleichung in den Berichten vermieden wurde", weil sonst vielleicht kartellähnliche Mutmaßungen über die Zusammenarbeit der Stahltreuhänder laut werden könnten... Demgegenüber aber wäre zu sagen, daß das Aktiengesetz keineswegs eine Kartellsatzung ist und somit auch eine erfreuliche Erweiterung der Publizitäts-Paragraphen des Aktiengesetzes keine monopolistischen Tendenzen enthalten kann.

In unserer Tabelle haben wir wesentliche Zahlen aus den 23 uns vorliegenden Bilanzen zusammengestellt. Nur in wenigen Fällen wurden – eine immer wieder von der Öffentlichkeit gestellte Frage – die Umsätze der Werke angegeben. Wir haben auf der Grundlage der teilweise veröffentlichten Umsatzsteuerzahlungen die Werksumsätze geschätzt und in Streuwerten angegeben, glauben aber, daß wohl in allen Fällen diese Größenangabe für die ersten 15 Monate nach der Währungsreform Mindestziffern sind, weil am Bilanzstichtag noch größere Umsatzsteuerbeträge fällig, aber noch nicht bezahlt waren und daher passiviert erschienen. Bei Eisenwerk Gelsenkirchen, Rheinhausen, Oberhausen, Ruhrort-Meiderich, Reisholz und Westfalenhütte wurden die Umsätze von den Verwaltungen (meist in den Hauptversammlungen) mitgeteilt. Es ist daraus zu erkennen, daß die Hüttenwerke Ruhrort-Meiderich AG., Duisburg (die zur August-Thyssen-Hütte AG. im Konzern der Vereinigte Stahlwerke AG. gehört und heute den Stahltreuhänder Dr. Monden zum AR-Vorsitzer hat), den höchsten Umsatz mit 256 Mill. DM mitteilt, gefolgt von dem Hüttenwerk Oberhausen AG. (Konzern Gutehoffnungshütte AG., AR-Vorsitzer jetzt Stahltreuhänder Dr. Deist) mit 245 Mill DM Umsatz und Hüttenwerke Rheinhausen AG. (Fried. Krupp AG., AR-Vorsitzer jetzt Karl Barich) mit 204 Mill. DM.

Interessant ist die sehr schwankende Relation zwischen Umsatz und Rohertrag einerseits, zwischen Umsatz und der sogenannten Nutzungsgebühr anderseits. Diese wird vielfach in den Ertragsrechnungen als Überschuß ausgewiesen, stellt aber nicht ohne weiteres einen Gewinn dar, da hier die vom Altkonzern zu tragenden Abschreibungen und gewisse Steuern und Ausgleichsbeträge für die Eisen- und Schrottpreiserhöhung enthalten sind. Ein Vergleich dieser Zahlen zeigt, daß recht unterschiedliche Entwicklungen, sehr differenzierte Rentabilitätsverhältnisse und stark schwankende Relationen (wie z. B. auch Rohertrag zu Belegschaftsstärke) offenbar werden. Daraus sollte allgemein die Schlußfolgerung gezogen werden, daß eine ertragswirtschaftliche Beurteilung keineswegs über einen Nenner vorgenommen werden darf, etwa derart: "die" Eisenindustrie "hat gut verdient".

Ganz so summarisch geht es also nicht. Wir haben unter den Eisen- und Stahlwerken solche, die in der neugedachten Form ihrer gesellschaftlichen Ordnung nicht allzu rentabel sind. Wir haben allerdings auch eine größere Zahl, die durchaus in einer befriedigenden Zone liegen. Aus Fachkreisen wurde bekannt, daß der Gesamtumsatz der deutschen eisenschaffenden Industrie 1949 etwa 2 Mrd. DM betragen habe und daß er im Kalenderjahr 1950 etwa 3 bis 3,4 Mrd. DM erreicht hatte. Dr. Deist gab auf einer HV bekannt, daß sich die Erträge bis zum 30. 9. 1950 "langsam aber stetig" gebessert hätten und "von 1,3 v. H. im ersten Geschäftsjahr (RM-Zeit) auf 1,9 v. H. zum 30. 9. 1949 und auf 3,2 v. H. zum 30. 9. 1950 angestiegen" seien. Jedoch müsse "eine Gewinnspanne von 3 bis 4 v. H. noch als sehr knapp" bezeichnet werden, da in dieser Spanne noch "Körperschaftssteuer, gewisse Abschreibungswahrscheinlichkeiten und Kapitalzinsen enthalten" seien. Bei einem Umsatz von 3 Mrd. DM in 1950 würde ein durchschnittlicher Betriebsgewinn von 2,5 v. H. eine Summe von etwa 75 Mill. DM ausmachen.

Dies mag wenig erscheinen. Eine exakte Rentabilitätsberechnung ist jedoch noch nicht möglich, da die Alt- und Neugesellschaften immer noch wirtschaftliche Einheiten bilden und die Anlagewerte und damit auch die Abschreibungssätze ungeklärt sind. Ob die Bilanzen durch Annäherungswerte schon jetzt hätten einen Überblick über die Aktivposten der Betriebseinheiten geben können, bleibe dahingestellt. Einige Gesellschaften haben – sicherlich auch mit einem Seitenblick auf den Kapital- und Aktienmarkt – einige Leistungsziffern veröffentlicht und damit zugleich auch eine erfreulich starke degressive Kostenentwicklung bei wesentlichen Konten der Kostenrechnung publiziert. So erhöhte sich die Rohstahlerzeugung je Mann und Monat in Oberhausen von 4,6 Tonnen (September 1947) auf 8,7 t (September 1949) und weiter auf 11,1 t im Oktober 1950, während die Lohnkosten je Tonne Rohstahl von 36,50 im Juni 1948 auf 32 DM im Oktober 1950 zurückgingen bei einer nominellen Stundenverdiensterhöhung um rund 50 v. H.! Stahlwerk Hagen berichtet, daß der Lohnanteil je Tonne Rohstahl von 15 DM in 1948/49 auf 10 DM im November 1950 zurückgegangen sei.