Von Franz Rothenburg

Paris, Anfang Januar

Der Prozeß des französischen Schriftstellers David Rousset gegen das kommunistische Wochenblatt Les Lettres Françaises ist zu Ende. Die Redaktion wurde zu einer Geldstrafe von 35 000 Francs und zur Schadenersatzleistung von 100 000 Francs verurteilt. Das heißt: Was Rousset erreichen wollte, ist ihm gelungen: vor dem freien Gericht eines freien Landes wurde durch die Aussage einer Unzahl von Zeugen einwandfrei bewiesen, daß das Univers Concentrationnaire (so lautet der Titel von Roussets Hauptwerk), daß also das "Konzentrations-Universum" heute in der Sowjetunion existiert. Selbstverständlich hat die kommunistische Weltpresse Gift und Galle gespieen, hat Rousset als von Amerika besoldeten Kriegshetzer bezeichnet, hat seine Zeugen in den tiefsten Schmutz zu ziehen versucht und sogar die Richter bezichtigt, vom Ausland bestochen zu sein. Aber Männer, wie Enrique Castro Delcado, früherer Chefredakteur der spanischen KP-Zeitung Mundo Obrero und Mitglied des spanischen KP-Zentralkomitees, wie der frühere Chef der jüdisch-polnischen Arbeiterorganisation "Bund", J. Gliksman, Frauen wie Grete Buber-Neumann, die Witwe des vom NKWD "liquidierten" deutschen Kommunistenführers Heinz Neumann, wie Elinor Lipper, eine jüdisch-schweizerische Chemikerin, die elf Jahre in den Sowjetbagnos verbracht hat – das sind Zeugen, denen gegenüber die Verteidigung sich in ziemlich jämmerliche Ausflüchte zurückzuziehen suchte.

Der spanische "General" El Campesino, "Der Bauer", war zweifellos der wuchtigste Zeuge Roussets. Dieser gewaltige, breitschultrige spanische Bauer, eine so legendenumwitterte Gestalt wie Tschapajeff oder Max Holz, der den Eid leistete, indem er die geballte Faust hebt, machte großen Eindruck. Wer je einen spanischen Stierkampf gesehen hat, der kann sich den Mann ohne Schwierigkeit in der Arena vorstellen. El Campesino war 1939 nach der Sowjetunion geflüchtet. "Die gewaltigste Enttäuschung meines Lebens!" so rief, er aus. Vergeblich versuchte er, die Erlaubnis zur Wiederausreise zu erlangen. Schließlich floh er, wurde wieder eingefangen, floh ein zweites Mal ohne Erfolg, und erst die dritte Flucht gelang. "1948", so sagte er aus, "waren in Rußland 19 Millionen Russen und vier Millionen Ausländer in den Konzentrationslagern. Der Kommunismus Stalins ist nichts anderes als ein Faschismus mit roter Fahne!" Und als Maître Nordmann, einer der kommunistischen Anwälte, auf die gewiß nicht schönen Bedingungen zu sprechen kam, unter denen einige verbannte Spanier in Korsika leben, weil sie gegen die französische Republik konspirierten, da explodierte El Campesino: "Lieber zehn Jahre Gefängnis in Frankreich als fünf Jahre Freiheit in Sowjetrußland!"

Nun, die Zeugen Roussets haben schließlich nur bestätigt, was wir alle schon lange wissen. Da aber brachten die von den Lettres Françaises geladenen Entlastungszeugen eine Art von Offenbarung, die noch erschütternder wirkte. Sprechen wir nicht weiter von der sonderbaren Tapferkeit jenes Obersten Manhes, der einen von Beleidigungen strotzenden Brief an Rousset sandte, statt persönlich zu erscheinen – tragisch wirkte die Erklärung von Jean Lafitte, Schriftsteller, Generalsekretär des "Weltkomitees der Friedenskämpfer". Maître Bernard, einer der beiden Anwälte Roussets, fragte ihn; "Angenommen, die Existenz von Konzentrationslagern in der SU wäre Ihnen bekannt – würden Sie dann solche Lager verdammen?" Darauf antwortete Lafitte: "Wenn Sie mich fragen würden, ob meine Mutter eine Mörderin sei, dann antwortete ich: Sie ist meine Mutter, und nichts als das!"

Das Publikum, das diese Antwort mit Gelächter aufnahm, hat sie nicht verstanden. Denn die ganze Tragik nicht nur des stalinistischen Intellektuellen, sondern des parteifrommen Stalinisten schlechthin liegt in dieser Antwort: sie schließt einen der Gründe der abgrundtiefen Verzweiflung unseres Jahrhunderts in sich. Noch niemals hat wohl ein Mann, der sich mit Leib und Seele dem Kreml und seinen Irrlehren verschrieben hat, so offen gesagt, daß er es ablehne, zu diskutieren – ja, ablehne, überhaupt zu denken. "Sie ist meine Mutter, und nichts als das!" – Wie soll eine Diskussion möglich sein zwischen Ost und West, zwischen Menschen, die logisch denken und solchen, die das Denken schlechthin für verwerflich halten, sofern es die Grundlagen ihres Glaubens anzutasten versucht? Was soll man von Menschen erhoffen, die so blind gläubig sind und so stur zugleich? Jean Lafitte hat mit seinem lapidaren Satz alles das aufgezeigt, was uns von den anderen trennt.

Gewiß, die Aussagen der Opfer jenes grauenvoll-barbarischen Systems, das sich in der Sowjetunion schamhaft "Erziehung durch Arbeit" nennt, waren erschütternd. Nichts aber ließ einen größeren Abgrund zwischen zwei Welten erblicken als das Bekenntnis dieses kommunistischen Schriftstellers, eines Menschen, der aus dem Lande Descartes’ stammt und Rousseaus und der sich heute weigert, zu denken. Den Sowjets ist es gelungen, Menschen von Fleisch und Blut zu Robotern zu machen. Dies scheint uns die schauerliche Lehre des Prozesses von Paris.