Sinclair Lewis ist am 9. Januar in Rom gestorben. Dieser letzte Erzamerikaner unter den großen Fabulierern, dieser Mann aus Minnesota, dieser schärfere Mark Twain hat nach dem Kriege in Italien Distanz zu der Heimat gesucht, die ihn und die er immer schlechter ertrug. Er konnte sich nicht von ihr ablösen. Er fand nicht mehr eine neue Welt, sondern nur – aber das war sehr viel – den archimedischen Punkt, von dem aus er seine alte Welt aus den Angeln heben konnte. Seine letzten Romane haben nicht mehr die Spießer, die Heuchler, die Scharlatane zu Hauptfiguren, sondern die seltenen Vögel, die Rechtschaffenen: den guten Richter, den Arglosen, den Einfältigen. Es sind satirische Lehrbücher vom guten Menschen geworden.

Der gerade gewachsene Mensch, der seltene Mensch! Die Geschichte von Neil Kingsblood, die letzte, die Lewis. erzählt hat – "Kingsblood Royal", deutsch unter dem (unnötig mysteriösen) Titel "Der königliche Kingsblood" im Steinberg-Verlag, Zürich (383 Seiten) –, ist nicht minder scharf und nicht vergnügter, als es die schonungslosen Röntgenbilder des "Babbitt" und des "Arrowsmith" waren. Dem Durchschnittsamerikaner wird hier bis in die innerste Falte seines Lebensgefühls nachgespürt, und es zeigt sich, daß dort ein Wurm sitzt: die Unsicherheit, die sich als Rassenüberheblichkeit selbst betrügt. Das sind nicht persönliche Eigentümlichkeiten, sondern kardinale Schäden der Jedermanns-Existenz, abgewandelt nach individuellen Temperamenten, aber gleichmachend wie eine Epidemie. Nicht zu sein wie die Schwarzen, ist dem Weißen Grund zur Stärkung. Nicht zu sein wie die Weißen, ist demSchwarzen Sache der Ehre. Da aber Schwarzsein nicht von der Hautfarbe abhängt, sondern von der "Bluts"-Beschaffenheit, und also auch ein Vierundsechzigstel-Schwarzer, der ganz wie ein Weißer aussieht, als Schwarzer leben muß, heißt schwarz für den Weißen nur noch soviel wie frech – und, aus demselben Grunde, weiß für den Schwarzen nur noch soviel wie dünkelhaft. "Beide waren sie weiß", kann Lewis von einem schwarzen Liebespaar berichten, "und hatten gelernt, das anmaßende Weiß zu verabscheuen.

In einem Selbstnekrolog hat Sinclair Lewis schon 1940 vor Hemingway den Degen gesenkt – vor dem in das Abenteuer der Seele Verfangenen, dessen Gestalten die verborgene Existenz des Erzählers offenbaren. Lewis selbst gehörte noch der vorigen Epoche an. Er macht sich in seinen Romanen unsichtbar; der Leser kann ihn nicht ansprechen. Neil Kingsblood, paradoxes Opfer des Rassentaumels, ist, noch einmal, ein Mann aus Minnesota. Aber er ist ganz ohne autobiographischen Bezug, ein Bankbeamter, als Hauptmann verwundet heimgekehrt, durchschnittlich, unproblematisch, ein Mensch ohne Schicksal – ein bloßer Fall. Dazu wird er, als er erfährt, daß er, der untadelig Weiße, ein Zweiunddreißigstel "Negerblut" in seinen Adern hat. Ein tragischer Fall, weil Neil jemand ist, der irgendwo hingehört – keine Ausnahme wie sein Autor. Da er malgré Im von seiner weißen Welt geschieden wird, gesellt er sich, redlich und trotzend, zu den Schwarzen. Die Phasen dieses Seitenwechsels schildert Sinclair Lewis mit jener physiognomischen Hellsichtigkeit, die alle seine Bücher so volkreich macht. Aber es ist, im Resultat, doch eben nur ein Seitenwechsel. "Man hat mich gezwungen, Negro zu sein. Jetzt werde ich es sein!" Die dritte Möglichkeit, das Selbst-Sein, ist ihm verschlossen.

Sinclair Lewis hatte sie sich in Mühen errungen. Die bittere Satire war seine Defensive gewesen; er wollte sich nicht aufsaugen lassen. Nun, am Ende seines Weges, sah er das Versöhnliche: der Jedermann ist, selbst in Minnesota, nicht ganz verloren. Er kann Märtyrer werden und stellvertretend sein Dasein zum Opfer bringen. Als Durchschnittsweißer, den das Antichristentum der Rassenanimosität zum Schwarzen stempelt.

Christian E. Lewalter