Nur rund ein Viertel der westdeutschen Bevölkerung ist weiterhin optimistisch (im Jahre 1950 war es noch die Hälfte), mehr als zwei Fünftel fürchten eine Verschlechterung der allgemeinen Lage und einen neuen Krieg. Mit einer Umfrage "Was erwarten Sie vom neuen Jahr? Sehen Sie 1951 mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?" das Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee die Seelenlage der westdeutschen Bevölkerung getestet. Dabei erwiesen sich die mutigen Westberliner am zuversichtlichsten. Wie diese sprechenden statistischen Ergebnisse gewonnen werden, beleuchten die folgenden Zeilen:

Ein "Volksbeschauer" war, ohne es zu ahnen, im D-Zug zwischen Bremen und Hamburg beobachtet worden: Er war gerade dabei, die Fragen, die er Herrn oder Frau Jedermann vorlegen sollte, ganz einfach in dem Fragebogen selbst zu beantworten. Mit ein bißchen Phantasie, meinte er, sei das schnell gemacht. Die Fragen schienen ihm einfach: Sind Sie für oder gegen die Berliner Notopfermarken? Oder: Würden Sie gern auswandern? Wenn ja, in welches Land? Oder: Essen Sie lieber Grau-, Weiß- oder Schwarzbrot? Oder: Sind Sie für die Auflösung Ihres Wohnungsamtes; werden nach Ihrer Meinung genug neue Wohnungen gebaut; was halten Sie von der Ortskrankenkasse; hören Sie Radio? Alltagsprobleme, über die man vielleicht nicht lange nachdenken muß. Der Interviewer, der sein Amt wie alle seine Kollegen nur nebenberuflich betreibt, hatte es wahrscheinlich eilig. Jedes Interview kostet nämlich gut und gern zwanzig Minuten Zeit, ganz zu schweigen von der Mühe, bis man den oder die Richtige gefunden hat. Der Amateurdetektiv war ein Hamburger Kaufmann. Der Kopf des Fragebogens lautete: "Institut für Demoskopie. Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung. Allensbach am Bodensee." Indes, als seine Mitteilung dort unten eintraf, war der Pfuscher bereits entlarvt.

Man denkt im ersten Augenblick, es sei eine Geheimwissenschaft. Ein geschulter Statistiker berechnet die Quoten, auf Grund deren die Interviews verteilt ("gestreut") werden. Ein besonderer Arbeitsstab entwirft und formuliert die Fragen, kaufmännische Spezialisten sind für die Kalkulation der Unkosten und der Rentabilität zuständig, wieder ein anderes Büro prüft die zurücklaufenden Fragebogen, und am Ende dieses Arbeitsprozesses steht die Hollerithmaschine, eine Art Maschinengehirn, das die Ergebnisse statistisch zusammenfaßt und zugleich dutzendfach auswertet. Hier spätestens setzt die Stichprobe auf die Zuverlässigkeit des Interviewers ein. Jedem Fragebogen ist ein besonderes Blatt beigefügt: mit den Personalangaben, die lediglich helfen sollen, die statistischen Grundlagen zu ergänzen oder zu bestätigen. Geschlecht, Größe des Wohnorts, Konfession, Schulbildung, Beruf, Einkommen, Familienstand, Einheimischer oder Flüchtling, schließlich Sympathien für welche Partei. Die Gegenkontrolle, die dieses fast nebensächlich erscheinende Blatt ermöglicht, ist untrüglich. Der Interviewer kennt das Schema nicht, nach dem ihm seine Quote zugewiesen wird: zum Beispiel wenn neun Interviews, Befragungsort, Stadt zwischen 20 000 und 100 000 Einwohnern, vier Männer, fünf Frauen, dieses und dieses Alter jeweils, diese und diese Berufsgruppe (Arbeiter, Angestellter, selbständiger Landwirt, selbständiger Handel und Gewerbe, freier (Beruf, Beamter, ohne Beruf), davon vier Flüchtlinge. Selbst bei großen Enquêten werden insgesamt nicht mehr als 2000 bis 3000 Menschen befragt, verstreut über das gesamte Bundesgebiet, einschließlich Westberlin. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes repräsentativ für alle Menschen, alle Altersgruppen und Schichten von Flensburg bis Konstanz und von Aachen bis Passau.

Das Verfahren der Repräsentativbefragung ist jung, aber heute ernstlich kaum noch umstritten. Es wurde zuerst An den Vereinigten Staaten erprobt. Die ganze Demoskopie kommt ja dort her. Ihre erste große Stunde war die Präsidentschaftswahl 1936. Damals standen sich noch zwei Prinzipien gegenüber. Die Massenbefrager, die mit – sage und schreibe – zehn Millionen Amerikanern operierten, und die Anhänger Dr. George Gallups, die sich mit 5000 begnügten. Die einen hatten Telefonbücher und die Listen der Autobesitzer gewälzt, um die nötigen Adressen zu ermitteln; die anderen vertrauten auf das Quotensystem. Ergebnis: Die anderen hatten 15 v. H. Fehlurteile, da die Auswahl einseitig war (Übergewicht der Wohlsituierten und Gebildeten), doch das System Gallup nur sieben v. H. und die zutreffende Voraussage des Sieges Roosevelts. Gewiß, die Präsidentschaftswahl 1948 mit dem falschen Tip für Dewey wurde zum "Pearl Harbour of public opinion research". Indes, mit einer Fehlerspanne von zwei bis fünf v. H. muß der Meinungsforscher immer rechnen. Sogar die subtilsten Meßinstrumente arbeiten mit einer unvermeidlichen, aber meist nicht bekannten Differenz. Bei der Briefwaage liegt sie bei zwei v. H., beim Tachometer bei fünf v. H. Im übrigen: die Aufgabe der Demoskopie ist nicht die Prognose, sondern die Diagnose. Wahlprognosen sind "Zerreißproben". Außerdem greifen sie, meistens acht bis zehn Wochen vor dem entscheidenden Termin, den Ereignissen (und damit auch den Stimmungen) weit voraus. Ministerpräsident Wohleb rühmte sich unlängst freimütig, daß ihm die Voraussage des Allensbacher Instituts für seine Anti-Südweststaat-Propaganda sehr zustatten gekommen sei.

Demoskopie heißt wörtlich "Volksbeschau". Praktisch ist sie sowohl ein Stück angewandter Sozialstatistik, Soziologie und Experimentalpsychologie als auch ein gut Teil Staatswissenschaft, Nationalökonomie und Mathematik. Der Begriff "Meinungsforschung" irritiert Auf die zu vermittelnde Meinung kommt es erst in zweiter Linie an. Der Industrielle und Kaufmann, der sich mehr und mehr auch der Hilfe der Demoskopen bedient, interessiert sich vorwiegend für die Wünsche, Absichten, Bedürfnisse und die Gewohnheiten seiner präsumtiven Käufer. Der Psychologe (ob Politiker, Pädagoge, Arzt oder Soziologe) legt darüber hinaus Wert darauf, sein allgemeines Situationsbild von der Bevölkerung (Kenntnisse, Verhaltensweisen, psychologische Zustände) zu revidieren oder zu vervollkommnen. Es ist darum kein Zufall, daß das Psychologische Institut der Universität Freiburg seinen Studenten ein mehrwöchiges Gastspiel in Allensbach als Praktikum anerkennt. Mancher Abgeordnete des Bundestages könnte hier nutzbringende Studien machen. Schon ein zwei- oder dreitägiges Privatissimum über einem Stapel dieser Fragebogen kuriert von manchem Vorurteil.

Das Märchen etwa vom heillosen Niveausturz in Deutschland wird überraschend widerlegt. Der Leser erweist sich plötzlich als kritischer als man im großen und ganzen glaubt. Er spürt zwar nicht immer, ob und warum ein Buch, ein Magazin, ein Film minderwertig ist, aber auf echte Qualität reagiert er sofort. Oder einige andere Streiflichter: Im August stand die Zuckerknappheit zur Diskussion und damit die leider wieder zeitgemäß erscheinende Frage nach der privaten Vorratspolitik. Die Antwort war symptomatisch: die Masse konnte nicht hamstern, sie hatte kein Geld. Und die Notopferfrage bestätigte die These des Berliner Oberbürgermeisters, daß die zusätzliche direkte Besteuerung automatisch zur offenen oder versteckten Animosität gegen die ehemalige Reichshauptstadt führt. Lösung (und Vorschlag Reuters): Finanzierung der Berlin-Hilfe kraft Gesetz aus öffentlichen Geldern.

Allmonatlich startet das Institut seine sogenannte Hauptbefragung. Die Industrie, der Rundfunk, Zeitungsverlage, hin und wieder eine Regierungsstelle sind die Interessenten erster Hand. Daneben laufen etliche Fragen, die periodisch ventiliert werden.