Die folgenden Ausführungen bilden inhaltlich den Abschluß des in unserer Ausgabe Nr. 52 vom 28. Dezember 1950 enthaltenen Aufsatzes mit dem Titel Wachsende Verelendung, zuviel Aufwandt"

Unzeitgemäß, wie die auf einem recht niedrigen wirtschaftspolitischen Niveau stehende Debatte des Bundestags kürzlich über die Diskonterhöhung – man sprach da allen Ernstes von "verteuernden Wirkungen"! – war wohl mit. das Gutachten der Wissenschaftlichen Beiräte beim Bundeswirtschafts- und Bundesfinanzministerium, das eine Korrektur des Außenkurses der DM nach unten empfahl. Unsere Abgeordneten machen sich’s bequem: sie sagen nur, was geändert, aber nicht, wie anders geholfen werden sollte. Unsere Professoren, die Reformvorschläge ausarbeiten, machen es uns unbequem, indem sie keine Begründung dazu geben. Was soll eigentlich jetzt mit einer Kurs-Korrektur erreicht werden? Selbst "die Bremer" – also der durch seine ausgezeichneten Arbeiten bekannte "Bremer Ausschuß für Wirtschaftsforschung" unter Senator Harmssein – sind der Ansicht, daß die Entwicklung der Kaufkraftparitäten, bei uns und draußen, jetzt keinerlei Anlaß dazu geben kann, den Außenwert der DM zu manipulieren. Wir sind nicht zu teuer im Exportgeschäft: denn die von den Auslandsrohstoffen herkommenden Kostensteigerungen sind bisher in einem beachtlichen, längst nicht genug beachteten Umfange von der deutschen Weiterverarbeitung aufgefangen worden! Also nicht die Preise sind heute entscheidend im Wettbewerb, sondern Lieferfristen und Liefermöglichkeiten überhaupt.

Warum sollte man da, so fragen wir Erhards und Schiffers Professorengarde, über ein Herunterschneiden des DM-Kurses – womit also das häßliche Wort "Abwertung", vielfältig Unruhe stiftend, wieder aktuell würde! – die Einfuhrpreise nominell noch weiter, zusätzlich zur realen Steigerung, erhöhen und damit das ganze Preis- und Kostengebäude neu erschüttern? Wenn man schon im Wissenschaftlichen Beirat etwas Zeitgemäßes leisten wollte, so hätte man wohl besser daran getan, die Empfehlung zur Zinspolitik wieder vorzuholen, die dort im Juni verfaßt worden ist, um sie unter anderem Vorzeichen neu herauszugeben. Damals nämlich hieß es: ein hoher (sprich: marktgerechter) Zinssatz sei abzulehnen, weil er abschreckend auf (gewisse Arten von) Investitionen wirke. Gerade das ist jetzt erforderlich: eine Art Investitionsbremse. Darum also sollte man, von sehen der Wissenschaft hier, den Übergang zum marktgerechten Kapitalzins jetzt mit Nachdruck fordern. Sollte dieser Zins gewisse Investitionen verhindern, die man als notwendig betrachtet, wie etwa im Wohnungsbau, so ist eine offene und ehrliche Subventionierung immer noch besser als die Beibehaltung eines (Zins-) Kostengefüges, das keine echten selektorischen Wirkungen ausübt, also zur Kapitalfehlleitung und damit zur Kapitalzerstörung führt: zu einem verfehlten, falschen Aufwand also. Denn den gibt es wirklich – wenn auch nicht bei Lebensmitteln des Massenverbrauchs!

Es gibt einen künstlich gesenkten allgemeinen Kapitalzins, es gibt spezielle Zinsverbilligungsvorteile für "besonders förderungswürdige Investitionen". Warum sollte es darüber hinaus, so fragen sich ganz kluge Leute (tatsächlich!) nicht zinsfreie Kapitalien geben? Das ist – wenn man sich von der Erkenntnis, daß der Zins ja doch ein Preis, ein Stück Marktwirtschaft also, ist, schon so weit entfernt hat wie wir im letzten Jahrzehnt – eigentlich nur folgerichtig. Insofern wird man dem "Zentralverband deutscher Mieter" nur dankbar sein können, wenn er auf seiner Tagung in Köln am 11. 11. (vermutlich auch 11 Uhr 11) die Bereitstellung "ausreichender zinsverbilligter und zinsloser Baumittel, Senkung des Zinses und der Baukosten" gefordert hat. Das ist also ein Rezept à la Kochbuch: "Man nehme..." Die Hausfrau weiß, daß damit wenig anzufangen ist, weil die Zutaten erst erworben, die Geldmittel dafür erst verdient sein müssen, ehe man die Pfannkuchen backen kann. Die gleiche Einsicht, daß man keinem Kapital kosten- oder zinslos geben kann, ohne daß es vorher erworben und dann aus irgendeinem Einkommen fortgenommen ("abgezweigt"), worden ist, wäre dem Beirat des genannten Verbandes wohl zu wünschen. Selbst eine nicht mehr unabhängig arbeitende, sondern von parlamentarischen Kräften "gesteuerte" Zentralnotenbank würde solche Kredite nicht geben ("schöpfen") können. Im übrigen sollte der Streit darüber, ob es wünschenswert sei, die Zentralbank von Bonn aus zu dirigieren, der Erkenntnis Raum machen, daß wir auch hier auf dem besten Wege sind, von der "kleindeutschen" zu einer "gesamteuropäischen" Lösung zu kommen. Auch auf diesem Gebiet muß man ein Stück Souveränität opfern, damit Europa werde ... il faut casser les oeufs! Nicht umsonst hat Präsident Berg neulich in Hamburg gesagt, anläßlich der Gründung des Europa-Ausschusses beim Bundesverband der deutschen Industrie: die OEEC von heute werde das Europa-Wirtschaftsaministerium von morgen sein. Erwin Topf