In der führenden Pariser Zeitung Le Monde hat der bekannte Außenpolitiker Maurice Duverger in einer Analyse der europäischen Lage vor der Viererkonferenz einen tiefen Einblick in die französischen Gedankengänge gegeben. Duverger geht davon aus, daß der Westen unfähig sei, eine klare Politik zu konzipieren oder gar auszuführen, eine Behauptung, die er an dem Verhalten der Westmächte zu dem sowjetischen Verhandlungsangebot exemplifiziert. Indessen sei aber die Zeit fortgeschritten, und es gebe nur mehr zwei Wege, die der Westen heute noch gehen könne.

Der eine Weg, sagt Duverger, sei der Weg der Gewalt. Er bestehe darin, der sowjetischen Militärmacht eine gleichwertige Macht entgegenzusetzen. Das sei nicht unmöglich unter der Bedingung, daß die deutsche Wiederaufrüstung die Rüstung der übrigen Völker Westeuropas ergänze Aber dieser Plan führe ein großes Risiko mit sich. Eine unmittelbare militärische Reaktion der Sowjetunion sei nicht ausgeschlossen, und entscheidende Maßnahmen, Europa rechtzeitig zu sichern, würden sich in der jetzigen Periode schwerlich durchführen lassen. Aber abgesehen davon müsse man sich fragen, ob ein solches Europa, mit einer klaffenden Wunde lebensfähig wäre: nämlich mit einem Deutschland, das in zwei Teile gespalten ist. Zwar könnte die Elbegrenze, die für das deutsche Vaterland unerträglich sei, ihre Bedeutung an dem Tage verlieren, da es weder ein Deutschland, noch ein Frankreich, Belgien, Spanien, Holland, Luxemburg und eine Schweiz gäbe, sondern nur mehr Provinzen des europäischen Vaterlandes; aber der Weg dahin sei noch weit.

Der andere Weg sei der einer Einigung. "Seit zwei Jahren regen wir", sagt Duverger, "unter verschiedenen Formen einen Kompromiß zwischen Ost und West auf der Grundlage eines wiedervereinigten und neutralisierten Deutschlands an. Gelingt dies, so werden die Soldaten und Industrien uns zwar fehlen, und ohne die Deutschen ist ein militärisches Gleichgewicht zwischen Ost und West nicht mehr denkbar. Albin die Sicherheit ist nicht nur am Gewicht der Waffen zu messen, sondern auch an dem Verhältnis zwischen den Vorteilen einer Okkupation und dem Preis, den der Okkupator dafür zu zahlen hat. Die Sowjetunion könnte Westeuropa nur um den Preis eines Weltkrieges besetzen. Neutralisierung Deutschlands aber würde weniger kosten, weil eine europäische Rüstung, die am Rhein haltmacht, keine direkte Gefahr mehr für Moskau darstellen würde.". Daher könnte – sagte Duverger – diese Neutralisierung vom Westen unter zwei Bedingungen angenommen werden: erstens daß sie von Amerika und seinen Verbündeten (und von der UdSSR auf der andern Seite) militärisch garantiert werde, wobei sich diese Garantie in der Stationierung von Truppen jenseits von Rhein und Oder manifestieren könnte, und zweitens, daß der militärischen Neutralisierung, die Amerika ausschaltet, eine politische entspricht, durch die die Sowjetunion ferngehalten werde Dabei würde die Beseitigung des kommunistischen Regimes in der Ostzone nicht genügen. Vielmehr müßte eine politische Infiltration gleichermaßen behandelt werden wie eine militärische Invasion, das heißt: es müßte Deutschland verboten werden, eine Diktatur oder ein Einpartei-Regime ans Ruder zu bringen. Formeln würden sich finden lassen, wesentlich aber wäre, daß die Errichtung eines kommunistischen Regimes in Deutschland an und für sich schon eine Verletzung der Neutralisierung seitens der Sowjetunion und somit den Kriegsfall konstituieren würde.

Auch diese Politik trägt furchtbare Risiken in sich, schließt Duverger: Die Garantie gegen die Sowjetisierung Deutschlands werde niemals sicher und die militärische Position des Westens stets geschwächt sein. Und überdies würde der europäische Traum zu Ende sein, denn ein neutralisiertes Deutschland könnte nicht nach Europa.