Von unserem Korrespondenten

B. L. Hannover, im Januar

Zur Vorbereitung auf die Landtagswahlen in Niedersachsen, die am ersten oder zweiten Sonntag des Mai stattfinden sollen, hatten die bürgerlichen Parteien den Versuch gewagt, eine Vereinigung zustande zu bringen, am in einem gemeinsamen Wahlkampf möglichst viele Angehörige der CDU, DP und FDP in den Landtag zu bekommen und die sozialdemokratische Vorherrschaft zu brechen. Plötzlich aber erklärte die FDP sich gegen die in Aussicht genommene Konstituierung der "Neuen Partei". Einer ihrer Vertreter gebrauchte dabei das stolze Wort: "Der Starke ist am mächtigsten allein."

Die FDP macht der CDU den Vorwurf, daß sie vier Jahre lang im Kabinett Kopf rein marxistische Forderungen toleriert habe; sie verschweigt aber, daß sie von 1946 bis 1948 ebenfalls im Kabinett Kopf vertreten war. Sie wirft der CDU weiter vor, daß sie den Abschluß der Entnazifizierung im Bundestag verhindert habe. Wer macht aber heute noch mit Entnazifizierung Politik? Die FDP macht ferner geltend, daß die CDU in der Mitbestimmungsfrage die kollektivistischen Machtansprüche der Gewerkschaft und der SPD in Bonn weitgehend teile; aber sie ist ja selbst durch ihren Vizekanzler und mehrere andere Minister im Bundeskabinett vertreten, ohne dort ihre Auffassungen durchsetzen zu können. Schließlich lehnt die FDP eine Konfessionsschule ab und fordert die echte christliche Gemeinschaftsschule; es möchte uns scheinen, daß über diese Frage gerade in Niedersachsen eine Verständigung hätte erzielt werden können.

Diese vier Programmpunkte, an denen die Vereinigung der bürgerlichen Parteien in Niedersachsen scheiterte, zeigen deutlich, daß das Bürgertum als ehemaliger Träger der Kultur und Wirtschaft in sich heute hoffnungslos gespalten ist. Es neigt gewiß schon seinem Wesen nach zur Differenzierung, das heißt zur Herausstellung des Besonderen, doch sollte es nicht soweit kommen, daß es immer wieder zerfällt wenn es vor eine Kraftprobe gestellt wird.