Vor fünf Jahren hat niemand an der Stärke Amerikas gezweifelt. Heute geschieht dies überall. In keinem Salon fehlt es an einem Meisterstrategen, der zu beweisen vermag, daß die USA hilflos sind gegen die Roten in Korea oder in Indochina oder in Iran oder in Frankreich. Diese unheilverkündenden Clausewitze sind zweimal so stark im Senat wie in den Salons, zweimal so stark im State Department wie im Senat und zweimal so stark im Kriegsministerium wie, im State Department..." Dieses Zitat stammt aus einem Artikel der amerikanischen Zeitschrift Time, in dem der Versuch gemacht wird, die Ursache der Verwirrung aufzuklären, die in den USA zu einer Art von Hysterie und in Europa zu einem matten Defaitismus geführt hat. "Amerika ist immer noch ein Riese; warum fühlt es sich hilf los?" fragt Time. Und die Antwort, die sie selbst gibt, rührt an das Psychologische wie an das Politische und Militärische: Der Amerikaner fühlt sich – so bekennt der amerikanische Aufsatz – als ein stabiles, ein passives Element in einer aufgeregten Welt. Aber da er "zwischen den Mühlsteinen seiner eigenen Passivität und der dynamischen Wirklichkeit" leben muß, so wird er von Zeit zu Zeit in die "großen Debatten" hineingezogen, die bei ihm die Form "Internationalismus gegen Isolationismus" annehmen. Diese Debatte fand einmal schon nach dem ersten Weltkrieg statt und endete mit einem allgemeinen Rückzug aus der Verantwortung. Die Debatte wiederholte sich in den Jahren 1933 bis 1941 und führte immer wieder zu nichts, bis sie durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbour vertagt – jedoch nicht wirklich erledigt – wurde. Und ehe der zweite Weltkrieg zu Ende war, wuschen die USA-Führer in Jalta bereits wieder ihre Hände in Verantwortungslosigkeit. Sie stimmten einer Linienführung zu, die Millionen von Polen, Tschechen, Deutschen, Ungarn, Rumänen, Bulgaren und Chinesen dem amerikanischen Einfluß entzog. Und alles das geschah, weil der "Wall", die "Verteidigungslinie", die Gedanken selbst der enragiertesten amerikakanischen "Internationalisten" beherrscht. Dem Amerikaner liegt es nicht, wie der Athener oder der Brite die See zu überqueren, um fernen Ländern Ordnung und Fortschritt zu bringen und von dort aus nach neuen "Gelegenheiten" Ausschau zu halten. Wenn der Amerikaner auf See geht, dann "gräbt er einen Graben". Er "zieht eine Linie" und sagt: "Überschreiten Sie die Linie nicht!" Deshalb sieht man die amerikanischen Politiker auch heute überall Linien ziehen, in Europa bald mit, bald ohne Deutschland. Linien in Spanien, in der Türkei, in Indien, in Indochina, in Formosa und in Korea, wo die Linie einmal bis zum 38. Breitengrad, dann bis Pusan, dann bis zur mandschurischen Grenze und nun bald wieder bis Pusan geht. Sie zeichnen damit an, "was sie halten wollen". Dabei umspannen die Linien Achesons mehr, die Linien Hoovers und Tafts weniger Länder. Aber solche Linien haben, so meint Time, in Wirklichkeit nur einen Sinn: nämlich von ihnen aus aufzubrechen und vorzugehen.

Dieser Artikel, der sich vor allem an die gerade jetzt wieder in der "großen Debatte" begriffenen Amerikaner wendet, hat auch den Europäern viel zu sagen. Die Hilflosigkeit der Europäer ist ja in Wahrheit nur eine Funktion der Methoden, die die Amerikaner anwenden, um mit der Krise fertig zu werden, seit sie von der "dynamischen Wirklichkeit" genötigt worden sind, die Führung zu übernehmen, Als sie die beiden Großmächte vollkommen demontierten, die fähig gewesen wären, die Expansionsabsichten des Kommunismus in Europa und in Ostasien zu kontrollieren, haben sie eine Verantwortung übernommen, die sie in Jalta nur scheinbar abstreifen konnten. Für die Politik von Jalta, die Politik des Händewaschens, ist die Welt heute zu klein geworden. Aber da die Amerikaner jetzt alle Anstalten treffen, die Verantwortung wirklich zu tragen, finden sie, daß die andern, die einmal Nutznießer dieses Entschlusses sein wollen, nicht tatenlos zuschauen sollten. Die Time spricht in diesem Zusammenhang nicht nur von auslandfeindlichen Gefühlen in den USA, sondern auch von den USA-feindlichen Gefühlen in Europa. Jedoch sollte man – so meinen wir – in Amerika nicht vergessen, daß die Europäer nicht in der angenehmen Lage sind, in Ruhe eine neue Debatte über "Internationalismus gegen Isolationismus" zu führen, sondern genau wissen, daß sie die ersten Opfer einer Katastrophe wären. Was zum Beispiel in Deutschland jene Unsicherheit hervorruft, die jetzt in Amerika soviel Kritik gefunden hat, ist nicht die Idee, daß man sich so gut für Ost wie für West oder auch für Neutralität entscheiden könne. Sondern es ist die Sorge, daß die amerikanische Politik der amerikanischen Macht davonlaufen könnte. Diese Macht stellt sich heute als ein ungeheures Potential dar, das kein ernsthafter Europäer unterschätzen wird. Aber es ist – wenigstens im Januar 1951 – eben nur ein Potential, von dem sich in sechs Monaten etwas, in einem Jahr sehr viel und in zwei Jahren vermutlich etwas Überwältigendes verwirklicht haben wird. Acheson hat daher Recht, wenn er erst Macht aufbauen und dann verhandeln will. H. A.