Von Hans Nowak

Wie es damals gewesen ist, an jenem 27. Januar 1901, davon hat mir noch in diesen Tagen ein Augenzeuge, ein alter Italienfahrer, erzählt. Es war ein Sonntag, doch einer von der alten südlichen Art, wo jedermann zu jeder beliebigen Stunde seinen Verrichtungen nachging. Durch das Geäder der Straßen pochte und pulste das Leben wie jeden andern Tag – bis es mit einem Male zu stocken, sich zu verwirren und endlich anzuhalten schien. Die Krämer schlossen ihre Gewölbe zu, vor den Scheiben der Magazine rollten die Läden herab, und langsam stiegen an den Masten die Fahnen empor, um sich auf halber Höhe im Wind zu entfalten. Um die dritte Morgenstunde war Verdi in seinem Mailänder Hotel gestorben.

So nahm das Volk Italiens die Botschaft auf, so hielten sie es, die Geringen und Unmündigen, noch ehe unter den tausend Fahnen Roms der Senat des Königreichs sich versammelte. Es war am Nachmittag des gleichen Tages. Der Dichter Antonio Fogazzaro erhielt das Wort. Er war in dieser Stunde die Stimme Italiens, der Mund der Millionen, die den Vater des Vaterlandes beweinten.

Dergleichen, wir wissen es, läßt sich nicht befehlen. Auch es erklären wollen, ist fast schon zu viel. Woran erkennt ein Volk seinen Genius, die Erscheinung seiner selbst, den Inbegriff dessen, was es ist oder zu sein träumt: wer nennt ihm seine Helden und Heiligen? Warum hatten sie ihn erwählt, Giuseppe Verdi aus Le Roncole, den Mann aus der rauhen Emilia, den Spröden, Grauäugigen, sehr Gestrengen, der sich die Welt vom Leibe hielt, derart, daß er in Abwehr einer vertraulichen Briefanrede von sich sagen konnte: "Ich bin niemals ein ‚Liebster‘" – wie mochten sie gerade ihn zum Italianissimo erhoben haben und in seiner Gestalt, nicht nur in seiner Musik, Leib und Leben der Idee "Italien" erkennen?

Denn so war es, und so ist es bis zum Ende geblieben, wenn sie auch längst den Alten und Uralten, dessen Gang und Bart und Hut jedes Kind im großen Mailand kannte, mit ihrem Freudengetöse in Frieden ließen, der raschen kleinen Arie, dem erkennenden Zuruf, dem Hüteschwenken und Zusammenlaufen; schweren Herzens gewiß, doch in dem genauen Gefühl, daß er niemals ein Liebster sein wollte und nun, da er die Grenze des Jahrhunderts überschritten, vielleicht in einem Traume neben sich selber herging, einem um sechzig Jahre Jüngeren, der durch dieselben Straßen gegangen war, mit dem schwingenden Schritt, wie ihn das Pflaster der großen Städte nicht lehren kann, verfolgt von den Blicken der Weißberockten, Stocksteifen, die, das Gewehr im Arm, für den Kaiser in Wien durch Mailands Straßen patrouillierten, und gefolgt von den beiden Schatten, die hinter jedem Patrioten her waren. Und sie, die Geschlagenen, denen der Mund verschlossen war, traten in die Türen und stießen einander an: Das ist er; il nostro; unser Mann.

Il Nostro. Es ist ein Vorgang überliefert, der in wunderbarem Tiefsinn das Thema anschlägt. Um Gottes Lohn, beurkundet ein ländlicher Handwerker, habe er die Hämmerchen und das Pedal ganz gemacht, damit der junge Verdi auf dem Instrument könne spielen lernen; denn er bringe eine gute Anlage mit, und das sei ihm, Stefano Cavaletti, Lohn genug. Datiert: "Im Jahre des Herrn 1821." Giuseppe Verdi war acht Jahre alt. Der Vater, Schankwirt und Dorfkrämer zu Le Roncole, hatte das Instrument bei einen Priester alt gekauft, und ein kunstreicher Gevatter oder dergleichen war ihm hilfreich gewesen. Sie sahen das Kind, sie errieten das Kind und machten ihm ohne Zögern die Tür zu den schönen Träumen auf.

Das vergißt sich nicht, wie lang ein Leben auch währt, und wie immer in Tagen und Jahren das Bewußtsein die frühe Erfahrung verwandelt. Wer könnte sagen, ob in Verdis Gedächtnis der Name des schlichten Instrumentenmachers noch lebte, oder ob sein Geist noch den Zug der Fiedler und Baßgeiger, der Oboisten und fahrenden Harfenisten festhielt, die einmal in der Schenke des Vaters Carlo Verdi aufspielten, den klapprigen Bagasset, den blinden Donnino, und Baistrocchi, den Dorforganisten, der auf einen Becher dazukam: wer könnte sagen, ob er ihrer Lehren und ihrer verwitterten, altgewordenen Armut gedachte, als er fünfundsiebzig Jahre nach dieser Zeit den Grund zu seinem Ausruh-Haus für alte Musiker legte? Wir wissen nur aus den besiegelten Zeugnissen, daß der Meister ein Vermögen auswarf, um diesen Veteranen ein Obdach und unter dem Obdach den Feierabend zu sichern, und daß die Opernhäuser der Welt, so oft sie "Verdi" spielen, dank seinem testierten Willen bis zum heutigen Tag für das Haus der Alten Zinsen müssen. Was er jemals empfangen, hat er nach seinem Können zurückgegeben, denn niemals hat er sich anders gefühlt denn als Treuhänder, als ein italienischer Maestro, wie der Boden des Vaterlandes ihrer viele geboren hatte, hohe und auch geringe. Daraus und daher seine Würde, das Gelassene seiner Erscheinung, der Einklang von Selbstgefühl und Bescheidenheit – und dieses unendliche Zu-Hause-Sein, wo immer er unter dem Himmel Italiens, in seinen Landschaften und seinen Ständen, den Schritt hinlenkte. Von dorther auch die Konsonanz, das Heile, Bruchlose in einem Leben, das dem bebauten Land kaum weniger gehörte als der Musik, derart, daß die eine das andere "mit Dukaten düngte", bis er von seiner Farm vor der Dorfmark des heimatlichen Le Roncole eines Tages schreiben konnte: "In meinem Bezirk gibt es kein Auswanderer-Problem."