Für und wider die Frauenorganisationen – Diskussion mit Studentinnen

Von Hildegard Schlüter

Dreimal schlug das Hämmerchen auf, zum Zeichen, daß die Sitzung eröffnet sei. Nun, es war nicht eigentlich eine Sitzung. Man hatte es Diskussion genannt und ließ es in einem Hörsaal der Hamburger Universität stattfinden. Weil nämlich die Studierenden gemeint waren, und davon wieder eine besondere Gruppe: die Studentinnen. Sie füllten in Scharen das große Halbrund. Der "Club der berufstätigen Frauen – Hamburg" hatte sie geladen, "Für und wider die Frauenorganisationen" zu disputieren. Für den Klub, der ohne politische Bindung sich für die Rechte der berufstätigen Frau einsetzt, auch auf internationaler Basis (er soll demnächst in die Internationale Federation of Business and Professional Women aufgenommen werden), war der Abend eine Werbung. Der Klub will nämlich eine Jugendgruppe gründen, de deren Mitgliedern die Beitragszahlung erspart bleiben soll; doch sollen Erfahrungen und Beziehungen der bereits im Beruf Stehenden den jungen Mädchen schwesterlich dargeboten werden. Bei besonderer Notlage will man für zwei Jahre der Berufsausbildung Patenschaften übernehmen. Ein idealistischer, ja idealer Entschluß, der von der Vorsitzenden nach den drei Hammerschlägen mit Wärme vorgetragen wurde.

Da die Damen, die da aufgereiht auf dem Podium saßen, sehr erfreulich anzusehen waren, hätte sich jeder Abstand wahrende Hinweis auf Frauenrechtlerinnen alten Datums erübrigt. Ein winziges Zeichen noch nicht ganz überwundener Unsicherheit, daß er trotzdem fiel. Was die Damen dann zu sagen hatten, kam sicher und zielbewußt zutage. Wie sie da waren, die Geschäftsführerin eines Modehauses, zwei Rechtsanwältinnen, eine Ärztin, eine Journalistin, die jüngste Richterin Hamburgs, sie alle zeigten, daß der Beruf auch die Frau prägt und doch nicht das zerstört, womit die Natur sie ausgezeichnet hat: das Weibliche. Unter diesem Fluidum – einem, das nicht minder stark ist als das männliche – standen die zwei Stunden des Diskussionsabends, der die Worte Bismarcks bestätigte: "Die Überzeugung einer Frau ist nicht so veränderlich, sie entsteht langsam, nicht leicht; entstand sie aber einmal, so ist sie weniger leicht zu erschüttern."

Die Geschäftsführerin des Modehauses tat energisch dar, daß eine Frau, die Fachkenntnisse habe und außerdem noch gutes Aussehen, Charme und Kameradschaftlichkeit im Berufsleben, von keinem Mann zu schlagen sei. Sie war selbst der beste Beweis für diese Ansicht; allerdings vertrat sie ja die Modebranche. Doch fand sie Unterstützung in der jungen Richterin, die eingestand, kein ausgezeichnetes Examen gemacht zu haben und trotzdem in ihrem Beruf erfolgreich zu sein – eben durch jenes undefinierbare Etwas, das ihr als Frau selbst auf dem sachlichen Boden der Jurisprudenz hilfreich zur Seite stehe und von den männlichen Kollegen respektiert werde. Sie plädierte für berufsständische Organisationen der Frauen, weil sie sich davon eine bessere Förderung verspricht.

Eine Philologiestudentin, die das Wort ergriff, zehrte noch von dem Erlebnis der internationalen Frauentagung in Bad Reichenhall. Zuerst der Horror: Zweihundert Frauen auf einem Haufen. Und nun konnte sie nur gestehen: "Es war wundervoll!" Eine angehende Apothekerin, Waise, Flüchtling aus Ostpreußen, war das Exempel, das sich statuierte: Schwierigkeiten in der Berufsausbildung, keine Möglichkeit, zum Universitätsstudium zugelassen zu werden (die Männer gehen vor!). Da möchte der Klub helfen. Leider war das Mädchen noch nicht Mitglied.

Auch die Buchhändlerin, die tapfer den Stimmenreigen aus dem Publikum eröffnete, war nirgends Mitglied. Sie erklärte es so: "Bis zwanzig wollen wir unter jungen Menschen sein. Bis dreißig haben wir anderes im Kopf als Organisationen; Freundschaften, Vergnügungen, vielleicht eine Verlobung und was dazugehört" (siehe Montesquieu über die Frauen: "Man muß warten, bis ihre Jugend vorbei ist."). Es erwiderte eine ebenfalls junge Studentin der Rechte, sie wäre nur gekommen, um sich zu informieren, nun jedoch sei sie überwältigt. Allerdings: "Einen Klub aller berufstätigen Frauen finde ich nicht richtig. Das hat – einen Beigeschmack wie der Klub der Steuerzahler." Verstehendes Gelächter, doch ein Student der Wirtschaftswissenschaften, smart und blond, der auch dabei war, trübte mit einem Satz die Situation: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß auch nur eine meiner Kommilitoninnen als Betriebsleiterin vor fünfhundert Menschen steht oder hinter einem großen Schreibtisch sitzt, denn Frauen haben keine Autorität". Eine Dame in blauer Bluse scharf dawider: "Es hat immer Regentinnen gegeben. Jede Frau ist in ihrem Beruf eine Regentin. Ich hoffe, Sie sind nicht bestellt."

Bevor vom Podium aus eingegriffen werden konnte, meldete sich ein anderer Student zum Wort. Der Bizeps des "Neandertaler" – so sagte er – zähle nicht mehr. In unserer zivilisierten Zeit dürften die beiden Geschlechter nicht mehr gegeneinander abgewogen werden. Vielleicht könnten aufklärende Vorträge vor Männern über die Frauen die Sache klären ... Allgemeines Aufatmen, und plötzlich erhob sich eine andere männliche Stimme: "Ich komme aus der Ostzone, bin Dozent und – erschrocken über die Lage hier. Drüben ist es anders." Und er sprach vom Aufstieg seiner ehemaligen Sekretärin, die nach einem Jahr der Ausbildung Regierungsdirektorin geworden sei und sich glänzend bewährt habe. Den Damen auf dem Podium verschlug es ob dieser offenen Demaskierung einer ostzonalen Propaganda einen Augenblick die Sprache. Dann fand die Diskussionsleiterin das richtige Wort, daß ihre einstigen Mitstudentinnen aus der Leipziger Studienzeit allerdings heute "da drüben" große Posten bekleideten; doch leider nur, weil sie linientreu seien. – Was die ganze Diskussion frommte, wurde sodann demonstriert: an die fünfzehn Studentinnen trugen sich in die bereitgehaltene Liste ein.