Am Geburtstag von Heinrich Dinkelbach hat der Stahltreuhänder Professor Dr.-Ing. Dr. mont. A. H. Wagner sein Amt als Stahltreuhänder wie auch als Vertreter der beiden Arbeitsausschüsse für die Verbundwirtschaft Kohle-Eisen und für die Neuordnung des Eisenerzbergbaues niedergelegt. Der Rücktritt erfolgte in dem Moment, da eine schwere politische Krise im Ruhrgebiet auszubrechen drohte. Es verlautete an jenem Wochenende, daß die Bundesregierung überraschend weitgehende Zugeständnisse wegen der Aufteilung und Entflechtung der deutschen Montanindustrie machen würde.

Der Rücktritt von Wagner dürfte in Bonn sehr wohl als Warnung verstanden worden sein und gezeigt haben, daß hier ein überparteilich und wissenschaftlich denkender Mann von hohen Graden die Grenzen der Nachgiebigkeit als erreicht angesehen hat. In seinem Rücktrittsschreiben erklärte Professor Wagner – ein alter Hochöfner mit Jahrzehnte-Erfahrungen aus den drei deutschen Montanrevieren Saar, Oberschlesien und Ruhr –, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten und den deutschen Stellen unüberbrückbar seien und daß er davon überzeugt sei, daß jede weitere Einengung des deutschen Mindestvorschlages für die Verbundwirtschaft "nur zu einer Schädigung der Interessen der deutschen Eisenindustrie führen" werde.

Im Ruhrgebiet wurde die Version verbreitet, daß sich die Bundesregierung in der deutschen Antwortnote an die Alliierten in Sachen Entflechtung weitgehend von dem sogenannten deutschen Einheitsplan zwischen Stahltreuhändern, Gewerkschaften, DKBL und BWM entfernen wollte, auf einen einheitlichen deutschen Kohlenverkauf Verzicht leiste, eine Trennung der Hüttenwerke Ruhrort-Meiderich von den Rheinischen Röhrenwerken, ferner der Hüttenwerke Huckingen von Niederrhein und drei weitere Trennungen im Bochumer Raum befürworte.

Zur Stunde, in der diese Zeilen geschrieben werden, ist der Inhalt des deutschen Memorandums noch nicht bekannt. Nach allgemein gehaltenen Äußerungen scheinen aber die schlimmsten Befürchtungen des kritischen Wochenendes nicht mehr gegeben zu sein. Bonn soll sich bisher nur mit 14 neuen Kerngesellschaften einverstanden erklärt haben und zwar mit solchen, die auch bisher schon zwischen der Combined Steel Group und den Stahltreuhändern nicht bestritten waren.

Die mit großem Ernst vorgetragenen Bedenken gegen eine überstürzte Zusage der Bundesregierung, und die Warnung, nicht etwa aus politischen Opportunitätsgründen (zum Beispiel im Hinblick auf den Wiederbeginn der Schuman-Plan-Verhandlungen) die technischen und natürlich gewachsenen Vorbedingungen der einst hochrentablen deutschen Montanwirtschaft zu opfern, dürften eine kräftige Bremse der überstürzten Entwürfe gewesen sein. Es wäre zu hoffen, wenn der nach so schwierigen Verhandlungen erreichte deutsche Einheitsplan, den wir kürzlich brachten, als äußerstes Entflechtungsstadium angesehen würde. Rlt.