Das Wort Heil weg ist doppeldeutig: es kann den Weg zur Heilung wie auch den Weg zum Heil bezeichnen. Seine Doppeldeutigkeit – dem Osten unbekannt – wird neuerdings auch in Europa bestritten: Keine Heilung ohne Heiligung. Es kommt nur darauf an, daß wir unter Heiligung nichts anderes verstehen als das Hineinwachsen des Menschen in seine von Gott gemeinte Urgestalt. Auch Heilung ist, tief genug erfaßt, restitutio ad integrum: Wiederherstellung der vom Ursprung her gegebenen und zugleich als Werdeziel waltenden Ganzheit Homo sapiens. Im Abendland gerät man, wenn man um dergleichen Wirklichkeiten bemüht ist, gar zu leicht ins Schwafeln, in Asien hingegen läßt der (dort unabdingbar notwendige) Meister den Schüler weder schwätzen noch schwärmen, sondern schweigen. Aus der Kultur der Stille entwickeln sich alsdann – unter präziser Kontrolle – die jeweiligen Verwirklichungsmöglichkeiten des Schülers, die ganz einfach gekonnt werden müssen, wenn ihm sein Fortschritt geglaubt werden soll. Das kultische Bogenschießen im Zen-Buddhismus, über das Eugen Herrigel aus eigener Übungserfahrung berichtete, gehört in diesen Zusammenhang. Nun fügt diesem Bericht, der zuerst durch die deutschen Zeitschriften ging und sodann als Buch Aufsehen erregte, Karlfried Graf von Dürckheim ein ähnlich gestimmtes Buch hinzu: "Japan und die Kultur der Stille" (Otto Wilhelm Barth Verlag, München-Planegg), das dazu geschaffen ist, ein westliches Lebensbuch zu werden, denn "im Spiegel des Ostens vermag der Westen sich seiner selbst bewußter zu werden, bewußter in seiner Möglichkeit und Gefahr". Daß die Menschen mit ihren Versenkungsübungen dort "gipfeln", wo sie zugleich "wurzeln", hat Graf Dürckheim in Japan erfahren, wo er die Grundübungen der Stille unter berufener Anleitung vollführte: Die Übung in der Unbewegtheit des Leibes, die Übung des Atems und die Übung der "Mitte", der allesdurchwaltenden Einheit des Lebens, von der uns unser Ichbewußtsein trennt. Unter Heranziehung japanischer Lehr- und Einweihungstexte hat der Verfasser ein Büchlein dargeboten, das all denen heilsam (im zunächst noch doppelten Sinne) sein wird, die den Weg von einer Religiosität des Glaubens zu einer Religiosität des realisierenden Innewerdens suchen.

Wie stark solchen östlichen Einsichten und Praktiken die moderne Psychotherapie entgegenkommt, hat schon 1932 J. H. Schultz in seinem Lehrbuch der "konzentrativen Selbstentspannung": "Das Autogene Training" gezeigt, dessen 6., verbesserte Auflage soeben erscheint (Georg Thieme Verlag, Stuttgart). Die Popularität, dieser Übungen ist heute schon fast beängstigend, bieten sie doch exakt durchgearbeitete Elemente eines abendländischen Yoga" an und zugleich eine Heilmethode von weitreichender Wirksamkeit. Das klassische Lehrbuch von J. H. Schultz, ein Markstein in der Geschichte der neueren Tiefenpsychologie, wartet wie immer mit prunkender Gelehrsamkeit auf, neuerdings aber auch im Vorwort mit einer Warnung an diejenigen, die da meinen, das Verfahren noch weiter ausbauen oder modifizieren zu können. In Europa wird jeder Meister sehr bald und sehr vernehmlich sein eigener Kirchenvater, auch wenn er die Kultur der Stille zum Anliegen hat. Es ist durchaus möglich, daß zahlreiche vom "Autogenen Training angeregte Exerzitanten, die sich keineswegs etwa aus Psychopathenkreisen rekrutieren, weiterwandern zu dem, was Graf Dürckheim anbietet: denn letztlich kommt ja auch das Licht, das J. H. Schultz angezündet hat, mit seinen Ursprungsflammen aus dem Osten. Die neurologische Gelehrsamkeit, die aus wissenschaftstechnischen Gründen notwendig sein mag, wird eines Tages nur noch Medizinhistoriker interessieren, während die asiatischen Übungen so uralt sind, daß sie jung bleiben. Herbert Fritsche