Nun sind sie alle wieder da, als wäre nichts geschehen. Die Ehrgeizlinge und die Unzufriedenen, die Dilettanten und die Abenteurer, die sehenden Bösen und die blinden Narren: das Treibholz; deutscher Politik. Sie haben viele Ideologien und wenig Ideen. In diesen Tagen fanden sie sich zum erstenmal zusammen. Vertreter von 18 Organisationen, Arbeitsgemeinschaften und Banden, so hieß es in einer Meldung von Associated Press, wandten sich in einer "Proklamation gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands und für einen allgemeinen Friedensschluß" an das deutsche Volk. – Greifen wir ein halbes Dutzend von ihnen heraus. Sie alle – außer einem – haben auch bereits ihre Teilnahme an einem kommunistischen Friedenskongreß zugesagt, der gegenwärtig, von herumreisenden sowjetzonalen Kommissaren in der Bundesrepublik ungehindert vorbereitet wird. So also sehen sie aus:

Ulrich Noack ist außerordentlicher Professor an der Universität zu Würzburg und außerdem bekannt für seine Leidenschaft, aufs falsche politische Pferd zu setzen. So fand man ihn im zweiten Weltkrieg im Lager der Nazis, wo er das Pech hatte, den unterlegenen norwegischen Faschistenführer Victor Mogens zu protegieren anstatt den später siegreichen Kollaborateur Quisling. Schon der erste Scheinwerferstrahl, der ihn auf der Bühne der deutschen Nachkriegspolitik traf, war deutlich rot gefärbt: Noack gründete den Nauheimer Kreis, für Ost-West-Gespräche und ist ein Freund des mit Neutreulitätsausweisen (Stück um Stück für eine DM) handelnden Theodor Koegler. Die Eitelkeit hat seinen Geist zerfressen. Er, der Geschichte lehrt, möcht’ allzugerne selbst Geschichte machen.

1934 endete die politische Karriere des deutschnationalen Sachsen Dr. Günther Gereke, als er als Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung im ersten Kabinett Hitlers vom Reichsgericht wegen Unterschlagung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. 1950 brach er sich auf einer anderen Extratour zum zweitenmal politisch den Hals. Als Landwirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Niedersachsens war er nach Berlin gefahren, um Konserven zu verkaufen – und verhandelte deswegen ausgerechnet mit dem sowjetzonalen Lenin, mit Walter Ulbricht. Ausschluß aus Regierung und CDU, das waren die Folgen des Konserven-Abkommens, dessen Bedeutung nach Gerekes Ansicht nicht hinter dem Vertrag von Rapallo zurückstand. Selbst der BHE warf ihn nach einem kurzen Gastspiel schnell hinaus. Das einzige politische Arbeitsfeld, das ihm so blieb, ist der "Gesamtdeutsche Arbeitskreis für Forsten und Landwirtschaft". Ein Arbeitskreis, auf dessen jüngster Tagung in Hannover die Polizei dieser Tage 148 sowjetzonale Funktionäre feststellte...

Erich Arp war einst SPD-Minister in Schleswig-Holstein. Doch nicht nur das. Er war und ist auch ein intimer Freund von Walter Ulbricht. Schon vor drei Jahren kam das heraus, und Arp konnte seinem Ausschluß aus der SPD damals nur durch einen schnellen Austritt zuvorkommen. Seither war es still um den Marxisten, dessen größtes Leidwesen es schon zu sozialdemokratischen Zeiten seines Landes war, daß es in der Bundesrepublik so viele Besitzlose und so wenig Proletarier gab. Nun ist er wieder aufgetaucht. Im Kreis von seinesgleichen, im Klub der Unzufriedenen.

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Mitglied des Deutschen Bundestages ist Dr. Fritz Doris. Als Vertreter der Deutschen Rechtspartei wurde er es. Inzwischen hat er die Partei gewechselt. Er ist heute Führer der Sozialistischen Reichspartei. Seiner Gesinnung aber ist er stets treu geblieben, der Gesinnung, die er als DAF-Schulungsburgherr früher offen und als CDU-Leitartikler von Gerekes Gnaden in Hannover später verdeckt predigte: "Der Nationalsozialismus war der Höhepunkt einer abendländischen Revolution, in deren Mittelpunkt Deutschland stand." Wenn der Freund Otto Strassers solche Sprüche macht, sind die Säle voll. Ende 1949 erklärte er in einem offiziellen Telegramm an den Angeklagten von Manstein, seine Partei "fühle sich verpflichtet", dem Feldmarschall "für seine tadellose Haltung vor dem britischen Militärgericht zu danken". Weniger offiziell war Doris Äußerung gedacht, daß er, obwohl ihm die Gefahren bekannt seien, die "rassische Etappe" dem Kriegsschauplatz vorziehe. Immerhin erklärt sie manches...

Doris bestes Pferd im Partei-Stall ist der Generalmajor a. D. Remer, der Mann, der am 20. Juli 1944 die Subordination statt der Freiheit wählte. Wohl noch nie – und das soll etwas heißen – hat Deutschlands Schicksal in so unbedeutenden Händen gelegen wie an jenem Tag. Seit eine Spruchkammer nach der Kapitulation diesen Träger der Goldenen Ehrenzeichens der HJ als "nicht betroffen" einstufte, hat er seinen ehrbaren Maurer-Beruf aufgegeben. Er möchte wieder Macht, er möchte wieder marschieren: Und außerdem lügt er. "Meine nachweisliche Absicht", so schrieb er in einem Leserbrief über die Vorgänge des 20. Juli, "war es, jedes Blutvergießen zu vermeiden. Ich war. über die Vollstreckung der Todesurteile sehr, erschüttert, da meine von mir befehlsgemäß durchgeführte Aktion bisher völlig ohne Blutvergießen erfolgt und damit ein Bürgerkrieg vermieden war." Sechs Wochen später erklärte Ernst Otto Reiner: "Ich hätte die Leute auch erschossen." Wie ein altes Zirkuspferd bei den Klängen von Marschmusik, so hält der "Generalmajor" seit dem Wiedererwachen des deutschen Nationalismus die Ohren gespitzt. Und warum das alles? "Ei warum? Ei darum: Ei nur wegen dem Tschingderassa-Bumderassassa." *