Ein junger Maler schrieb an den Leiter der Kestner-Gesellschaft in Hannover über die heute übliche Art, moderne Kunst zu pflegen. Er beklagte sich darüber, daß diejenigen, die angeblich um die Malerei der Gegenwart bemüht seien, sich in Wirklichkeit nur mit den Werken der jüngsten Vergangenheit beschäftigen, daß sie Klee, Nolde, Kirchner und Beckmann ausstellten oder kauften, daß sich aber niemand fände, der den Mut habe, Künstler zu fördern, die noch nicht allgemein anerkannt sind. Früher sei dies anders gewesen, denn niemals hätte sich sonst jene heute bereits klassisch gewordene Richtung der modernen Kunst durchsetzen können, wenn nicht seinerzeit die jungen Kunstler schon in ihren Anfängen Förderer unter den Museumsleitern und auch private Mäzene gefunden hätten.

Diese Klage – wer wollte es leugnen – ist nicht unberechtigt, und sie bestärkte den Leiter der Kestner-Gesellschaft in seinem Plan, einmal diejenigen der jüngeren Generation, die sich heute als führend unter den Modernen fühlen, dem Publikum näher zu bringen. Er beschränkte sich dabei – denn irgendeine Begrenzung muß man sich setzen, wenn man einen Überblick geben will – auf die 30- bis 40jährigen, diejenigen also, die zwischen 1910 und 1920 geboren sind; unter ihnen wählte er wiederum jene aus, die sich am modernsten gebärden. Und so entstand die Ausstellung "30 junge deutsche Maler", die augenblicklich in Hannover zu sehen ist.

Gewiß, auf diese Weise kann niemals das zustande kommen, was man einen Querschnitt durch die heutige Malerei der jüngeren Künstler in Deutschland nennen könnte. Es gibt in jeder Generation Überschneidungen der Epochen, und man sollte nicht vergessen, daß heute eigentlich gerade diejenigen, die einer älteren Tradition anhängen, die gegenständlich Malenden also, einen besonderen Grund haben sich zu beschweren, weil man sie so wenig beachtet. Doch die Ausstellung in Hannover heißt ausdrücklich "30 junge deutsche Maler", und jung kann hier nichts anderes bedeuten als radikal vorwärts stürmend. Wir haben hier also eine Auswahl der Neuesten unter den deutschen Malern, und daher dürfte es erlaubt sein, einmal zu versuchen, an Hand dieser Ausstellung den heute gültigen Stil der modernsten deutschen Malerei zu bestimmen.

Da ist zunächst festzustellen, daß nahezu alle Bilder zu jener Gattung gehören, die man als abstrakte oder gegenstandsfremde Malerei zu bezeichnen pflegt. Die Künstler nehmen die Wirklichkeit nicht, wie sie uns erscheint, sondern unterwerfen sie eigenen Gesetzen der Phantasie und der Artistik. So sind denn alle Gebilde durchaus romantisch zu nennen, und zwar in dem alten klassischen Sinne dieses Begriffes, der eben besagt, daß übersinnliche Gesetze in den Bereich des Sinnlichen eindringen.

Für die formale Gestaltung ergibt sich auf diese Weise eine außerordentliche Freiheit, da sie nur noch von den Gesetzen des Bildaufbaus, nicht mehr von irgendwelcher Realität abhängig ist. Das gleiche gilt auch von der Farbgebung, und gerade ihr kommt das sehr zugute. Im allgemeinen sind die Bilder bunter, als wir es seit langem gewohnt waren – das tonlich Abgestimmte ist klaren Lokalfarben gewichen. Bei einzelnen Künstlern geht dies bis zum Plakathaften, bis zu einer Manier, die an Linoleum Schnitte erinnert. Doch ist das allgemeine Niveau gerade im Farblichen hoch, was wohl ein bemerkenswerter Gewinn der gegenstandsfremden Kunst ist.

Vielfache Einflüsse der vorigen Generation sind unverkennbar, so von Künstlern wie Munch, Klee, Braque, Léger, Gilles und Nay. Auch Chagall, der den romantischen Neigungen der heutigen Modernen sehr entgegenkommt, hat seinen Schüler gefunden. Doch ist der Einfluß der Älteren nie so stark, daß er die Selbständigkeit des einzelnen Künstlers in Frage stellen könnte.

So vermittelt die Ausstellung im ganzen ein erfreuliches Bild von der Eigenart und dem durchschnittlichen Niveau der neuesten Malerei in Deutschland ... Einen Maler, der bisher fast unbekannt war, wollen wir besonders erwähnen: Heiner Malkowsky. Er gehört zu den jüngsten, er ist 1920 geboren. Als Maler ist er Autodidakt. Seine Art, mit dem Material der Farbe umzugehen, zeugt von einer ungewöhnlichen Begabung, die in Deutschland selten ist. Wenn es ihm gelingt, sich davor zu bewahren, daß er in eine Manier oder eine Nachahmung verfällt, wird es sich lohnen, seinen weiteren Weg zu verfolgen. Martin Rabe