Von Emily Bahn

Man spricht heute von dem "chinesischen Wunder", von der für unwahrscheinlich gehaltenen Tatsache, daß ein lange Zeit zerstückeltes, ausgeblutetes, unsagbar verelendetes Land gleichsam über Nacht zu einer der mächtigsten Nationen der Welt auferstand: China. Der kommunistische Herr über 450 Millionen Chinesen, Mao Tse Tung, ist die Sphinx des Fernen Ostens. Wird er der treue Vasall Stalins bleiben? War er’s überhaupt jemals? Wird das rote Peking auf die Dauer die Macht Moskaus verstärken oder stören? Diese heute noch unerwiderten Fragen lassen die Schilderungen Emily Hahns doppelt bedeutungsvoll sein: die amerikanische Autorin hat jahrelang in China gelebt, sie hatte Kontakt zu Mao, dessen Figur und dessen politischen Kampf um die Macht sie (in der vorigen Ausgabe der "Zeit") bereits schilderte. Sie fügt dem heute die Porträts seiner Freunde und Berater hinzu ...

Leute, die gerne Helden anbeten, werden mir widersprechen, aber nach meiner Meinung kann man das Geheimnis der Bedeutung eines jeden. Führers nur durch die Frage lösen: "Wer sind seine Berater?"

Mao ist vom Bauernsohn zum Herrscher Chinas nicht einfach deshalb aufgestiegen, weil er klug und rücksichtslos ist, weil er Selbstvertrauen und die Fähigkeit besitzt, in anderen Vertrauen zu erwecken. Sein Aufstieg ist vielmehr ermöglicht und seine jetzige Macht ist gestützt durch zwei bemerkenswerte Mitkämpfer, die für ihn ebenso wichtig sind, wie es Göring und Goebbels für Hitler waren. Der eine von ihnen ist Tschu Teh. Er ist Maos Oberbefehlshaber, ein militärischer Fachmann, dessen Fähigkeiten – wie ich schon sagte – von den Fachleuten anderer Länder anerkannt sind. Der andre ist der jetzige Außenminister Tschou En Lai. Auch er ist Soldat, aber seine besondere Befähigung liegt in der Menschenbehandlung, er versteht es, die inneren Differenzen zu bereinigen oder zu überbrücken.

Diese beiden Männer sind seit 1924 Maos Freunde. In Hunger und Blutvergießen blieben sie an seiner Seite. Sie haben sich mit ihm zusammen auf das gigantische Spiel der chinesischen Revolution eingelassen, in dem man jede falsche Rechnung mit dem Leben bezahlte. Neben Mao selbst sind es diese zwei Männer, die das Geheimnis der chinesischen Zukunft in Händen halten.

Tschu Teh ist etwa zehn, sicherlich acht Jahre älter als Mao, er ist also zumindest 65 Jahre alt. Sein Vater war ein reicher Grundbesitzer in Setschuan, einer Provinz im fernen Westen Chinas. Dieses Setschuan ist ein zurückgebliebener Teil der Welt. Hier wurde, ohne Rücksicht auf das gesetzliche Verbot, ganz offen Opium gebaut, und ebenso offen und regelmäßig wurde es von vielen Einwohnern geraucht. Hier also wuchs Tschu Teh auf: ein lebhafter Junge mit viel Vorliebe zum Soldatenberuf. Deshalb schickte ihn seine Familie auf die Militärakademie Junnan, in die Provinz, die gerade südlich von Setschuan liegt. Von der Akademie kam er als Berufssoldat in die Armee.

Die Chinesen kennen kein Kastensystem. Ihre Aristokratie beruhte auf dem Reichtum. Immerhin, ein reicher junger Mann wie Tschu Teh war einem Kuli haushoch überlegen. Als er den Rang eines Brigadegenerals erreicht hatte, erhielt er den angenehmen Posten eines Finanzkommissars der Provinz Junnan.