Von Carl Georg Heise

Einer der Gründe für den weitverbreiteten Kulturpessimismus unserer Tage scheint mir darin zu liegen, daß fälschlich immer genau dort eine neue Blüte erwartet wird, wo die voraufgehende Generation sie erleben durfte. Bei historischen Rückblicken ist uns die Tatsache durchaus vertraut, daß z. B. ein Zeitalter mit einer hochentwickelten Malerei von einem anderen gefolgt wird, in dem die künstlerischen Potenzen sich "verlagert" haben, also etwa eine bislang entbehrte musikalische Kultur hervortritt, oder gar die entscheidenden schöpferischen Kräfte in erster Linie auf den Gebieten der Technik oder der Wissenschaften verbraucht werden. Das aber bedeutet keineswegs ein Absinken des geistigen Gesamtniveaus. Langsam setzt sich heute die Einsicht durch, daß die Plastik, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen beklagenswerten Tiefstand erreicht hatte, im zwanzigsten der Malerei wiederum ebenbürtig geworden ist, ja sie vielfach überflügelt hat. Schwerer noch wird es begriffen, daß auch das Kunsthandwerk, das zu Unrecht immer noch als Gattung minderen Ranges gilt, eine neue Werthöhe sich erobert hat, und doch sollte schon eine rein theoretische Überlegung zu der Erkenntnis führen, daß unser Massenzeitalter kaum der günstigste Boden ist für das immer noch unseren Ausstellungsbetrieb beherrschende Sofabild, und die dekorativen Künste, zumal wenn ihre Werke monumentalen Charakter haben, ganz anders die vordringlichen Bedürfnisse unserer Epoche – in Kirche, Rathaus, Sitzungssaal und für andere öffentliche Verwendung – zu befriedigen in der Lage sind. Aber man sucht dort, wo der Boden unfruchtbar geworden ist, und findet das Außergewöhnliche nur schwer an einer Stelle, wo man nichts zu erwarten gewohnt war.

Die große Ausstellung moderner französischer Bildteppiche, die auch durch Deutschland gewandert ist, hat den Eindruck hinterlassen, daß es gegenwärtig im Nachbarland kaum eine künstlerische Leistung gibt, die diese kunsthandwerkliche übertrifft, nicht einmal in der Malerei, einst Frankreichs Ruhm. Bei uns nun gibt es eine Weberin großen Formats, die zwar in Fachkreisen nicht unbekannt ist, allgemeine Wertschätzung jedoch noch nicht annähernd im verdienten Maße genießt. Johanna Schütz-Wolffs handgewebten Wandbehänge sind, anders als die französischen Teppiche, nicht in doppeltem Arbeitsgang entstanden, der entwerfende Künstler und der ausführende Handwerker sind nicht zwei Personen, sondern für Erfindung und Ausführung ist allein die Künstlerin selbst verantwortlich. Webend erfindet sie, und ihre Erfindungen sind eingegeben vom Geiste der Weberei. Gewiß sind auch ihre graphischen Arbeiten von eigenwilligem formalem Reiz, aber das ihr gemäßere Ausdrucksmittel ist die monumentale Bildersprache des flächenhaft gewebten Wandbehanges. Eine Ausstellung ihrer Teppiche im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die anschließend auch in anderen deutschen Städten gezeigt werden wird, hat erregenden Charakter.

1896 in Halle a. S. geboren, hat Johanna Wolff 1915 bis 1918 ihre erste Ausbildung, und zwar als Malerin und Graphikerin, auf der Burg Giebichenstein erhalten, deren Werkstätten damals unter der Leitung von Paul Thiersch standen, der so bedeutende Lehrkräfte wie Marcks, Crodel, Post und Weidanz angehörten und die neben dem Dessauer Bauhaus die hervorragendste Pflanzstätte künstlerischer Begabungen gewesen ist. Dann hat sie zwei Jahre bei Ehmcke in München gearbeitet und erst 1920 bei Hablik-Lindemann in Itzehoe die Weberei erlernt. Noch im gleichen Jahre erhielt sie den Ruf, auf Giebichenstein Aufbau und Leitung der Webe-Werkstatt zu übernehmen, die sie zu hohem Range zu entwickeln verstanden hat. Ihre eigene künstlerische Tätigkeit indessen hat erst seit 1925 den entscheidenden Aufschwung genommen, als sie, Gattin des bekannten Theologen Dr. Paul Schütz, zunächst in Schwabendorf bei Marburg, später, namentlich während des Krieges, auf dem Lande in Bayern und seit einigen Jahren in Hamburg in größerer Muße tätig sein konnte. Starke Befruchtung hat ihre Kunst erfahren durch eine Reise nach Ägypten im Jahre 1928. Nur langsam reifte die Reihe ihrer Wandteppiche, von denen jeder einzelne eine erstaunliche Größe der inneren Vorstellungskraft manifestiert. Nur etwa die Hälfte ihrer Produktion hat sich erhalten, da sie in Zeiten der Gefährdung durch das nationalsozialistische Regime eine Anzahl der schönsten mit eigener Hand zerstörte. Was geblieben ist und heute noch unter ihren Händen entsteht, rückt sie in die vorderste Reihe der bildschöpferischen Meister unserer Zeit.

Niemals handelt es sich allein um dekorative Flächenfüllung, immer zuerst um eine bedeutsame Aussage, die offensichtlich mit der Gewalt einer Vision heraufdrängt, immer handelt es sich um den Menschen, um seine Verlorenheit in der Welt und um die Möglichkeit, trotz allem eine innere Geborgenheit zu gewinnen. Das macht diese bei oft riesigem Format so schlichten Kompositionen so unmittelbar packend, man fühlt, daß sie aus der Stille, aus einer äußersten Konzentration auf das Wesentliche erwachsen sind. Die Farbe wird meist nur sparsam verwendet, doch werden; gelegentlich starke Akzente gesetzt, in manchen Teppichen dominieren die scharfen Gegensätze von Schwarz und Weiß. Schon die Themen sind bezeichnend: Einsamkeit, Gebet, Mutter und Kind, Hölderlin, Schlafende, Trost des Engels, Angst der Welt. Aber es werden keine billigen Tröstungen gegeben; was aus Sorge und Leid zur Erlösung durch die monumentale Gestaltung geführt wird, das trägt zu deutlich das Signum des bis zur Erschöpfung der Kräfte geleisteten inneren Ringens. Was vor allem beglückt, das ist der offenbar gewordene Durchbruch einer höheren Welt, ein unmittelbarer Anruf des "Dennoch völlig unsentimental, mit äußerster Anstrengung der Zone des Grauens enthoben und hineingerettet in den Raum der Befreiung. Unsentimental und doch lyrisch durch die Verbindung zartester Empfindung mit Größe und Wucht anschaulicher Vergegenwärtigung. Die Technik, nur selten echtes Gobelin, meist Kette und Schuß offen bloßlegend, ist sehr persönlich, wie überhaupt diese Kunst unnachahmlich eigenen Charakter hat und kaum mit Bekanntem vergleichbar ist. Die Malerei der großen Expressionisten, am erkennbarsten gelegentlich die Franz Marcs (die leidende Kreatur wird oft in Verbindung mit dem Menschen gezeigt), ist ihrer Weberei generationsgemäß benachbart, aber ihr Stil, schon durch die andere Technik bedingt, hat jene flächenhafte Monumentalität, die den Malern aus Mangel an Wandbild-Aufträgen kaum jemals so überzeugend gelungen ist. Hin und wieder wird ein vom Zentrum abirrendes Suchen erkennbar, aber es bezeichnet die Stärke der Künstlerin, daß sie immer, am überzeugendsten in ihrem letzten Werk, zur fruchtbaren Mitte zurückkehrt und jeder Umweg ihr Schaffen nur reicher und reifer gemacht hat.