Von dem, was Forscher in England und Amerika seit zwanzig Jahren zu dem großen Thema Shakespeare an Wichtigem ermittelt halben, ist in Deutschland kaum etwas bekannt geworden. Die meisten deutschen Regisseure inszenieren den "Hamlet", als gäbe es Dover Wilsons fundamentales und gerade für die Theaterpraxis entscheidendes Buch "What happens in Hamlet?" (es erschien 1939) nicht. Auch sonst wäre vielerlei Gutes und Förderndes zu übersetzen – um so dringlicher, als auch die deutsche Shakespeare-Forschung während dieser Zeit schwer gehemmt war. Nun, wo der Krieg so lange vorüber ist wie er gedauert hat, ist die erste amerikanische Shakespeare-Schrift auf den deutschen Büchermarkt gekommen. Und wovon handelt sie? Von der spleenigsten, abstrusesten und unergiebigsten aller Fragen: der Frage, ob William Shakespeare aus Stratford selbst oder jemand anders die Werke William Shakespeares geschrieben hat. Mit solchem fruchtlosen Puzzlespiel begann man in England und Amerika vor hundert Jahren, als die Vorstellungen vom elisabethanischen Theater noch recht dürftig waren und als der romantische Zeitgeschmack Shakespeare irrtümlich gerade dafür bewunderte, daß er, wie Carlyle sagte, "der Bauer Shakespeare" gewesen wäre, ein Naturgenie ohne Schulbildung. Was damals noch verzeihlich war – nämlich zu vermuten, daß jemand anderes, ein Mann von gelehrter Bildung, die Werke verfaßt habe – ist heute, wo Shakespeares Lebensgang reicher dokumentiert ist als der jedes anderen Dramatikers seiner Zeit, einfach nur albern. Ebenso gut könnte man zweifeln, ob Hebbel, der Tagelöhnerssohn, der wirkliche Verfasser seiner Dramen sei – ja, mit besserem Grund; denn Shakespeare war der Sohn eines wohlhabenden Bürgers. Von den gekünstelten Versuchen, ihm die Autorschaft abzusprechen, ist die abwegigste die Hypothese, daß der "Lord Chamberlain", zu dessen Truppe Shakespeare gehörte, selbst der Verfasser gewesen sei. Denn dieser 17. Earl of Oxford starb schon 1604 – zwei Jahre vor der Niederschrift des "Lear" und des "Macbeth". Tut nichts, das Puzzlespiel geht weiter, und die Oxfordisten treiben es mit derselben Leidenschaft und demselben höhnischen Haß gegen die "Stratfordianer" wie vorzeiten (und auch jetzt noch) die Verfechter der "Bacon-Theorie". So gegenstandslose Scharfsinnsübungen braucht man nicht zu stören. Aber sie nach Deutschland einzuführen ist unsinnig. Mancher, der Shakespeare bewundert, kann durch solche Spielereien auf falsche Fährten gebracht werden, und der sonst so rühmenswerte Ernst Klett Verlag in Stuttgart hätte besser getan, den oxfordistischen Amerikaner Charlton Ogburn, wenn er schon dessen Schrift "Der wahre Shakespeare deutschen Lesern durchaus präsentieren wollte, nicht auch noch als den "wohl bedeutendsten lebenden Shakespeare-Forscher" vorzustellen. C. E. L.