Von den Küsten der Adria über die Eiswüsten der Arktis bis in die russischen Wälder und zwischen die Mauern der modernen Großstadt reicht der Umkreis von Friedrich Georg Jüngers Erzählungen ("Dalmatinische Nacht", Heliopolis-Verlag, Tübingen, 1950, 268 S.), mit weichen der Lyriker und Essayist zum erstenmal auch novellistisch hervortritt. Doch trotz dem vielfältigen Wechsel der Schauplätze und Figuren aus der realen Sphäre von Reiseerlebnissen und Abenteuern scheinen sich die Vorgänge in diesen Erzählungen nicht eigentlich im Medium der Tageswirklichkeit, sondern in einem zweiten magischen Raum innerhalb der gewohnten Realität abzuspielen. Immer wieder wird das Gewebe der äußeren Handlung eigentümlich durchsichtig und läßt den Blick in jene zeitlosen Tiefen vordringen, in denen sich die Beziehungen zwischen Menschen und Dingen auf eine überraschende Weise ordnen.

Die besondere Perspektive dieser Tiefenschau setzt ein hohes Maß von innerem Abstand zwischen dem Autor und seinen Figuren voraus. Aber nicht nur der Autor, auch die Person des in der Ichform berichtenden Erzählers bleibt oft mit der einen Hälfte ihres Wesens außerhalb der Ereignisse und betrachtet die Dinge mit der gelassenen Kühle und Exaktheit des Forschers. So kommt es, daß das bewegte menschliche Leben manchmal etwas von der Unberührtheit und Reinheit kristallischer Naturgebilde zu besitzen scheint, daß ihm etwas Staub- und Keimfreies aneignet, so als sei es in einem magischen Laboratorium von seinen jahrhundertealten Schmutz- und Schlackenschichten geläutert worden. Die Vorliebe Friedrich Georg Jüngers für die Urlandschaften des Gebirges, des Meeres und der arktischen Bezirke mit den ihnen zugehörigen, geschichtslosen Gestalten der Fischer, Jäger, Krieger und Landleute ist sicher kein Zufall, Auch die Tiefenwelt des Traums ist ein Stück dieser unwandelbaren Natur. Aber sogar "Zwischen Mauern", inmitten der modernen Großstadtexistenz, legt er das Netz geheimer Beziehungen bloß, das die Menschen in einer durch Technik erstarrten Umwelt noch immer gefangen hält. Geno Hartlaub