Durch Zufall liefen die Filme "Vulcano" (Regie Wilhelm Dieterle) und "Die Sünderin" (Uraufführung, Regie Willi Forst) in Hamburg und anderen Städten gleichzeitig an. In beiden Filmen steht im Mittelpunkt eine leichtsinnige Frau, die ihr Leben vergeudet und sich am Schluß aus edlen Beweggründen opfert. Beide Filme sind sowohl in der Handlung als auch in den Motiven und in der Machart nicht gerade erregend neu, und das gesprochene Wort – einmal die Synchronisation des Italienischen, und in der "Sünderin" der die Bilder begleitende Monolog – ist zuweilen von tönender Leere. Aber "Vulcano" erzählt wie einst Flahertys "Männer von Aran" vom einfachen, zeitlosen Leben der Fischer, die Thunfische fangen, Schwämme sammeln, auf ihrer trostlosen vulkanischen Insel im Bimssteinbruch arbeiten und ihre jungen Mädchen auf den Bräutigam aus fernen Ländern warten lassen. Süditalienisches Temperament und südländische Sonne erhöhen den Reiz dieser Bilder. Und die weibliche Urgewalt der Anna Magnani, ihr rassiges Gesicht und die Souveränität ihrer wortlosen Ausdrucksmittel in dieser ungewöhnlichen Gegensätzlichkeit von girrender Verführungskunst und müder Enttäuschung, vulgärer Durchtriebenheit und vollendeter Haltung der großen Dame, überlegener Rauheit und einsamer Verzweiflung der gejagten Kreatur hinterlassen ein nur sehr selten zu verspürendes Glück: die Begegnung mit einer originellen, bannenden Persönlichkeit, wobei der Alltagsklatsch um das Dreieck Bergman – Rossellini – Magnani und das Konkurrenzunternehmen "Vulcano" – "Stromboli" vollkommen uninteressant ist.

Und "Die Sünderin"? Bei Hildegard Knef, trotz gewisser Höhepunkte in ihrem Spiel, vermissen wir die Persönlichkeit. Sie ist nicht wie die Magnani in "Vulcano" ein Mensch, ein Individuum; sie ist nur Teil einer gesichtslosen Masse. In ihrem .Inhalt bringt "Die Sünderin" die Läuterung eines gefallenen Mädchens durch die Liebe, das Schicksal eines erblindeten Künstlers und das Thema einer unheilbaren Krankheit, Zeitgeschehnisse geben die äußere, allzu äußerliche Atmosphäre: Der Vater, steinreich und ehemaliger Offizier, Antinazi, verliert Stellung und Geld, die Mutter wird Hure, der Sohn (ausgezeichnet im Durchhalten seiner Rolle der junge Jochen Wolfgang Meyn) verführt die Stieftochter, Das Mädchen selbst, die Hauptperson, wird von da ab die "Sünderin", bis sie für den verkommenen und, wie sie später erfährt, kranken Maler die große Liebe entdeckt. Aber es ist bezeichnend, daß die Knef auch nach der Wandlung von der Dirne zum liebenden Weib das starre maskenhafte make up à la Hollywood beibehält, das sie nach zweijährigem Aufenthalt von dort mitbrachte und ihr ehedem an Ausdrucksmöglichkeiten so reiches Gesicht erstarren ließ. Es ist dem Zuschauer nicht möglich, das an ihr geschehene Wunder der großen Liebe abzulesen, und sich dadurch überzeugen zu lassen; selbst die große Liebe ändert nicht dies Gesicht. Ist dies ein Zeichen der Zeit und schauspielerische Absicht – dann hat sich der Film ins Intellektuell-Literarische verloren.

Fast alle Urteile über diesen Film haben bisher erwähnt, daß die filmischen Mittel strapaziert würden. Soll sich auch darin Zeitnähe ausdrücken? Willi Forst ist ein großer Kenner, und so kann er selbstverständlich auch jede Schlafzimmerszene delikat behandeln und eine an die andere reihen wie billige, falsche Perlen. Aber wozu? In der Generation unserer Väter tat man so etwas um der Pikanterie willen, aus erotischer Lüsternheit; heute aber scheinen wir so stolz zu sein, uns "von der bürgerlichen Verlogenheit freigemacht zu haben", daß wir gestikulieren: "Seht, wir sprechen alles aus und zeigen alles in Bildern." Um wieviel besser wäre es doch, wieder die feine Nuancierungskunst zu lernen! Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß der Künstler Forst mit dem Erfolgsmann, der für einen breiten Kundenkreis arbeitet, im Streit gelegen hat. In Amerika hat man ein "Rezept" für erfolgreiche Romananfänge erfunden: Vulgarität plus Künstlerleben plus Religion plus Erotik. Also: "Verdammt (Vulgarität), sagte die Malerin (Künstler, zieht immer) zum Kardinal (Religion), lassen Sie mein Knie (Erotik) los." Nach diesem Rezept sind auch die Ingredienzien dieses Films gewählt, wobei offenbar um der Aktualität willen der ehemalige Offizier und Vater seine von der eigenen Frau beschmutzte Mannesehre dadurch sichtbar macht, daß er von der sorgsam verpackten und gehüteten Uniform die Ehrenzeichen abreißt, um sich selbst zu degradieren ... Was aber das Thema Religiosität betrifft, so wird es in derart oberflächlichen Worten abgehandelt, daß sie wirklich nicht genügen konnten, die Kirchenvertreter zu beschwichtigen, die jetzt aus Protest aus der Selbstkontrolle des deutschen Films ausgetreten sind, die diesen Film freigab. E. M.

Wie die Jungen zwitschern, singen die Alten. Ganz wörtlich gilt das: Käthe Dorsch ist von den Autoren des Wiener Films "Das Kuckucksei" zu der Rolle einer leichten Mutter verurteilt, deren sittsames Töchterchen sich vergeblich um die Hebung ihrer Moral bemüht. Heikel und an der Grenze des Peinlichen – aber eben nur an der Grenze, weil die Dorsch auch dieses wagen, darf. Sie ist eine vulkanische Sünderin, eine Lawine an Temperament, ein Krater an Verachtung für alle Prüderie, ein Wirbelsturm der Herzhaftigkeit, kurz: eine Kette von Elementarereignissen reifster, sicherster, diszipliniertester Darstellungskunst. Film hin, Film her – dies muß man gesehen und gehört haben. cel.