Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Januar

Ernst Reuter hat sich vom Oberbürgermeister zum "Regierenden Bürgermeister" von Berlin gewandelt – denn so lautet der Titel, den die neue Verfassung Berlins dem Stadtoberhaupt zuteilt. Im Jahre 1946 kehrte er aus der Emigration zurück. Nicht, wie die meisten anderen, aus Amerika oder England, sondern aus der Türkei. Dorthin war der damalige sozialdemokratische Bürgermeister von Magdeburg gegangen, um dem Hitler-Regime zu entgehen. In Ankara hatte er der türkischen Regierung seine Kenntnisse und Erfahrungen als Kommunal- und Verkehrsfachmann zur Verfügung gestellt. Dann, bei seiner Rückkehr, 1946, ging er sofort nach Berlin. Dieser Stadt, in der sich die sowjetischen Gelüste nach der Vorherrschaft in Deutschland bereits deutlich abzeichneten, wollte er seine Kräfte zur Verfügung stellen. Die SPD war froh über sein Kommen. Der deutsche sozialdemokratische Bürgermeister Dr. Ostrowski war den Sowjets genehm, doch nicht seiner Partei, weil er im Kampf gegen die Kommunisten sich als nicht stark genug erwies. Reuter, so hoffte man, würde schon durch seine Kenntnisse und Erfahrungen geschickter und sicherer operieren können, er war ja in den ersten Jahren nach dem ersten Weltkrieg Sekretär der Kommunistischen Partei gewesen. Dies allerdings machte ihn bei den bürgerlichen Gruppen Berlins zunächst suspekt. Noch verdächtiger aber machte es ihn bei den Sowjets, in deren Stadtsektor damals der Verwaltungssitz der Stadt lag. So erhoben sie denn Einspruch bei der Alliierten Kommandantur und verhinderten dadurch, daß Reuter offiziell zum Oberbürgermeister ernannt wurde. Luise Schröder vertrat ihn während dieser Periode. Sie errang sich damals unvergleichliches Ansehen.

Dann kam der Tag, an dem die Kommunisten das Verwaltungszentrum Berlins in der Parochialstraße stürmten. Ebert wurde auf Befehl der Sowjets zum Bürgermeister von Ostberlin ernannt, und die Westberliner Mitglieder... des Magistrats mußten Obdach im Schöneberger Rathaus suchen. Hier unter westlichem Schutz konnte Reuter unbehindert als Oberbürgermeister fungieren. Es kamen die bösen Nachkriegsjahre der Blockade und damit die Zeit, in der Reuters Name nicht nur für Berlin, sondern für die ganze Welt mit dem tapferen Widerstandsgeist der Stadt verbunden wurde.

In diesen Jahren hatte die SPD beinahe die Zwei-Drittel-Mehrheit in Berlin. Doch Reuter war niemals in erster Linie ein Mann der Partei, und es zeigte sich, daß seine Ausstrahlung und sein Wirken sich viel mehr mit den Ereignissen verbanden, die allgemeiner und weltpolitischer Bedeutung waren, als mit denen, die spezifisch sozialdemokratisch waren. Es ist dafür bezeichnend, daß er an zwei der Fragen, die den SPD-Erdrutsch vom 3. Dezember 1950 zur Folge hatten – die Berliner Regelung der Sozialversicherung und die Berliner Schulreform – aktiv nicht beteiligt war. Wenn von Hannover, von Schumacher oder vom Parteivorstand der SPD besondere sozialdemokratische Bedingungen gestellt wurden, war es immer Reuter, der die unvergleichliche Situation Berlins gegen parteipolitische Experimente verteidigte. Eben diese Lage, aber auch seine ungewöhnliche Urbanität führten dazu, daß er in diesen Jahren häufiger und eingehender mit dem amerikanischen und britischen Hohen Kommissar und mit politisch bedeutenden Reisenden aus aller Weit Gespräche und Verhandlungen führte, als mit dem Vorsitzenden seiner eigenen Partei in Hannover. Reuter ist zu selbstherrlich geworden, hieß es denn auch bald, nicht nur beim Parteivorstand, sondern auch bei den Funktionären in Berlin. Der Oberbürgermeister Reuter hatte einfach keine Zeit, mit dem Berliner Parteivorsitzenden Neumann parteitaktische Erwägungen anzustellen. Wie er bei den großen Ereignissen von Berlin auftrat, beim Kongreß für kulturelle Freiheit, bei den überparteilichen Kundgebungen vor dem Reichstagsgebäude und auch in Bonn, in Washington und Paris – das alles hätte der Sozialdemokratie großes Ansehen erwerben können. Daß sie jedoch die Parteitaktik höher stellte als die Berliner Probleme, die Reuter vertrat, hat ihr diese Möglichkeit genommen.

Ja, Reuter, so sagten die Leute, die am 3. Dezember CDU und FDP wählten, das wäre etwas, das das ganze Problem der Parteien auflösen würde. Und eben darum stand dieser Mann mit dem weitläufigen Namen nicht an der Spitze der Berliner Kandidatenliste der SPD. Für Hannover war er nicht bequem genug. Er war ja oft anderer Meinung. Er hatte zuletzt noch bedenklich mit dem Kopf geschüttelt, als Schumacher sich mit Niemöller zu einer merkwürdigen Mesalliance verband. Er hatte überhaupt die Kampagne des sozialdemokratischen Führers in der Sicherheitsfrage nicht mitbetrieben. Als Schumacher wenige Tage vor der Wahl, umgeben von Ollenhauer und Carlo Schmid, von Franz Neumann und allen anderen Funktionären, in der Berliner Sporthalle sprach, saß er einsam nebenan in der parallelen Halle, den Worten lauschend, die der Lautsprecher von drüben herübertrug, die Schumacher an die Berliner, die so ganz Reuter verstehenden Berliner, richtete. Als dann die SPD bei den Wahlen so schwer verlor, ereignete sich ein neuer Fall, mit dem Hannover den bedeutenden Berliner Repräsentanten noch stärker zu desavouieren suchte. Schumacher, der gegen das

Auftreten des Schauspielers Werner Krauß bei den Gewerkschaftsfestspielen in Recklinghausen kein Wort gefunden hatte und auch keins dagegen, daß die Stadt Hamburg, ihn offiziell im Rathaus begrüßte, ließ erklären, das Berliner Gastspiel, das Oberbürgermeister Reuter vermittelt hatte, sei ein Skandal, und der Berliner Parteivorsitzende Franz Neumann rief gehorsam ein: Protestversammlung zusammen. Noch waren zwar Verhandlungen zwischen den drei Parteien im Gange, wieder unter dem Vorsitz Parteien eine große Koalition zustande zu bringen. Doch gelang es Hannover, nun ihren guten Verlauf zu stören und die Krise so zu steuern, daß mit der Tatsache gerechnet werden mußte, mit der SPD müßte auch Reuter von der Berliner Regierung ausschaltet werden.