R. K. N. Zürich,im Januar

Die veränderte wirtschaftspolitische Lage der Schweiz spiegelt sich in der sensationellen Erklärung maßgeblicher Wirtschaftskreise, daß für dieses klassische Exportland nicht mehr die Ausfuhr, sondern die Einfuhr das wirtschaftspolitische Problem Nr. 1 sei. Denn tatsächlich macht der Import der Schweiz heute große Schwierigkeiten. Knapp nach der Erlassung eines Außen-Handelsgesetzes, das die Ausfuhr von Schrott, Eisen, Blei, Zinn, Zink, Kupfer, Kautschuk, Aluminium, Baumwolle und Erdöl lizenzpflichtig macht, wandte sich der Delegierte für Arbeitsbeschaffung mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit und sagte, daß die Einführung der Rationierung noch nicht beabsichtigt und also kein aktueller Grund für Unruhe vorhanden sei. Kurz nach ihm appellierte der Bundesrat an die Preisdisziplin der Wirtschaft und ersuchte sie, Preise, Löhne, Verdienstspannen und Kosten möglichst niedrig zu halten und die Preisauftriebe, die von den Auslandsmärkten kommen, nicht noch spekulativ zu intensivieren. Denn die Gefahr einer schleichenden Inflation wird sehr ernst genommen.

Wie lebenswichtig für die Schweiz die Sicherung ihrer Importe geworden ist, beweist die große Sorge weitester Wirtschaftskreise, ob die zentrale Rohstofflenkung der Weststaaten, der auch Bern beitreten mußte, der besonderen Lage der neutralen Schweiz inmitten der rüstungsbedingten Nachfrage der Großmächte genügend Rechnung tragen wird. Auch die von der Privatwirtschaft soeben in Genf gegründete Verbindungsstelle zu den Wirtschaftsorganisationen der UNO ist. ein Zeichen, wie bewußt man sich hier im Lande ist, daß die Einfuhr heute vornehmlich von internationalen Faktoren bedingt ist. Das klassische Exportland ist durchseine mangelnde Rohstoffbasis importminded geworden; die Einfuhren, die bisher sozusagen automatisch erfolgten und damit automatisch die Bedürfnisse der Veredelungsindustrien für die Ausfuhr gedeckt haben, sind problematisch und die wirtschaftliche Zentralfrage Nr. 1. Zum Beweis die Außenhandelsstatistik für Dezember: Die Einfuhren betrugen 513,7 Mill. gegenüber 366,6 im Vergleichsmonat des Jahres 1949 und um 1,4 Mill. mehr als im November, wo die Einfuhren bereits eine Rekordhöhe hatten. Die Ausfuhren lagen aber nur bei 445,1 Mill. gegenüber 356,6 im Dezember 1949. Beherrschen die Rohstoffimporte die Einfuhrseite der Außenhandelsbilanz, so sind es bei den Ausfuhren die Uhren-, Maschinen-, Apparate- und Instrumente-Exporte, deren Höhe ein bisher nie erreichtes Maximum darstellt. Mit Einfuhren von 59 Mill. steht Deutschland unter den Lieferanten der Schweiz nach Frankreich und den USA an dritter Stelle, mit Ausfuhren von 43,7 Mill. rangiert es auch als Abnehmerland nach Italien und den USA auf dem dritten Platz.