Zwei Tagungen mit dem Thema "Vollbeschäftigung" haben 1950 in Deutschland stattgefunden. Die zeitlich zweite Veranstaltung, die des Vereins für Sozialpolitik, Mitte Oktober in Bad Pyrmont, brachte Vorträge, in denen, das Postulat der Vollbeschäftigung auf hoher wissenschaftlichen Ebene leidenschaftlich und doch objektiv untersucht wurde. Trotz der Verschiedenartigkeit der dort geäußerten Ansichten schälte sich als Ergebnis der Tagung klar die Erkennt- – nis heraus, daß auf das Rumpfgebiet Westdeutschland mit seinen strukturellen Verzerrungen und seiner schwerwiegenden Auslandsabhängigkeit das Instrumentarium der Vollbeschäftigungspolitik, wie es von der Theorie entwickelt und in einzelnen Ländern auch in die Praxis umgesetzt worden ist, auf absehbare Zeit nicht zur Anwendung gelangen kann.

Die andere Tagung wurde im März 1950 in Oberhausen durchgeführt; ihr Veranstalter war das Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften. Die dort gehaltenen Referate und Diskussionsbeiträge – elf an der Zahl – liegen inzwischen in einer im Bund-Verlag (Köln) erschienenen Broschüre vor. Wir bedauern, feststellen zu müssen, daß das Niveau der aus diesem Anlaß gehaltenen Referate, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weit unter dem der Tagung in Pyrmont steht. "Wissenschaft" kann ihrem Wesen nach nur im Dienst der Wahrheit, der leidenschaftlichen Suche nach Objektivität und nach abgewogenem Urteil stehen. Wie bei sehr vielen anderen Publikationen des genannten Instituts haben aber auch bei dieser Tagung Voreingenommenheiten, Vorurteile und Unsachlichkeit Pate gestanden.

Die Referate der fünf Vertreter des Brain-Trusts der Labour Party bringen nichts Neues. Das Gemeinsame, durch das sich diese Verfechter einer auf aktiver Kreditpolitik beruhenden Vollbeschäftigungslehre auszeichnen, ist ihr auffallender Mangel, die westdeutsche Wirklichkeit zu erkennen. Für sie ist es einfach Axiom, daß in der Bundesrepublik vor Jahresfrist "Unterbeschäftigung" geherrscht hat und überhaupt ein Zustand, wie er für die Zeit Anfang der dreißiger Jahre in Großbritannien (und anderswo) kennzeichnend war. Diese Sterilität der Betrachtungsweise, die sich von einem ganz bestimmten Denkmodell einfach nicht losreißen kann, ist für die gesamte Oxford-Schule bezeichnend. 1946 hielt einmal E. F. Schumacher einen Vortrag. Er erläuterte die Thesen der Oxford-Vollbeschäftigungslehre und versuchte dann, seiner staunenden Zuhörerschaft klarzumachen, daß die in England entwickelten, und seit 1945 auch angewandten Rezepte justament auch für das Gebiet der damaligen Bizone das Richtige seien. Das war, wohlgemerkt, im tiefsten Schlamm der Reichsmarkzeit, und Schumacher wollte ausdrücklich seine Empfehlungen sofort angewandt sehen.

Es nimmt somit nicht wunder, daß die britischen Gelehrten auch diesmal ihren deutschen Zuhörern dringend ans Herz legen, die in Großbritannien praktizierten Methoden des Protektionismus, des Wirtschaftsnationalismus und der durch mannigfaltige staatliche Eingriffe in Maßen gehaltenen Dauerinflation anzuwenden. Demgemäß gipfeln ihre Ratschläge in der Forderung, Investitionskredite bereitzustellen, sei es unmittelbar durch künstliche Kreditschöpfung, sei es auf dem Wege über große Haushaltsdefizite. So kann sich beispielsweise G. D. N. Worswick nicht von der Vorstellung freimachen, daß Arbeitslosigkeit einzig und allein dadurch bewirkt wird, daß zuviel gespart und zuwenig investiert wird. Für ihn ist "das gegenwärtige Problem in Deutschland in erster Linie ein Problem des Nachfragedefizits"! Auf gleicher Linie bewegt sich F. A. Burchardt, der ebenfalls die erstarrten Arbeitshypothesen der Oxforder Schule auf Deutschland überträgt und eine "generelle Unterbeschäftigung" zu erkennen glaubt. Er übersieht völlig die für eine Beurteilung der wirklichen Lage ausschlaggebenden Umstände: daß die westdeutsche Wirtschaft ein Torso ist, daß die Wirkungen der Abtrennung von Mittel- und Ostdeutschland noch lange nicht. überwunden sind, daß Ungleichgewichte schwerwiegender Natur bestehen und daß vor allem die außenwirtschaftliche Situation bestimmte Grenzen setzt. Während real in Westdeutschland die zweifellos vorhandenen Kapazitätsreserven über die einzelnen Wirtschaftszweige und Branchen sowie auch regional völlig ungleich verteilt waren und noch sind, meint Burchardt, simpel generalisierend, daß Produktionsfaktoren bei uns massenweise frei seien. Statt den Prozeß des Anpassung sich einspielen und auspendeln zu lassen, wie das allein die Kräfte des Marktes vermögen (und bisher weitgehend auch vermocht haben), tritt er für eine generelle Nachfragevermehrung als Aufgabe staatlicher Politik ein. Auch Thomas Barlogh, durch seine zahllosen falschen Diagnosen und Prognosen bekannt, gibt in seinem Referat neue Proben seines verkrampften Denkens, so mit der Prophezeiung, daß die Liberalisierung zu einer allgemeinen innereuropäischen Delation führen müsse.

Doch kann den britischen Referenten nicht das Bemühen um eine relative Objektivität abgesprochen werden. Leider trifft dies für die Mehrzahl der Diskussionsbeiträge von deutscher Seite nicht zu. Zunächst: die Redner sahen vorwiegend nur unter innenpolitischen Aspekten. Die in Westdeutschland herrschende Arbeitslosigkeit, die ihre Hauptursache doch in der Vermehrung der Bevölkerung um neun Millionen (Vertriebenerproblem) hat, wird mehrfach als eine "Schuld" der Bonner Regierung hingestellt. Erörtert wird weniger die Problematik der Vollbeschäftigung als vielmehr die angebliche Notwendigkeit, Wirtschaftspolitik auf planwirtschaftlicher Grundlage zu betreiben. Eine Forderung, die sich, wie ein roter Faden durch fast alle Aufsätze zieht. Implizite damit verbindet sich der Ruf nach Bewirtschaftung und Rationierung, so etwa in dem Beitrag von Rolf Wagenführ, der übrigens eine zunehmende Verschlechterung der Lage der "breiten Massen" seit der Währungsreform feststellt. Auch er vertritt die Ansicht, daß Vollbeschäftigung um jeden Preis herbeigeführt werden muß, und selbstverständlich ist er auch im Besitz des richtigen Rezeptes dafür: Das Engpaßproblem ist für ihn schnell gemeistert; er sagt: "Es dürfte kein nationales Unglück sein, wenn man beispielsweise bei Schuhen wieder zu einer straffen Bewirtschaftung zurückfinden würde. Das gilt auch für Textilien oder einzelne Lebensmittel, soweit hier oder dort tatsächlich Engpässe auftreten sollten."

Besonders fragwürdig erscheinen die Darlegungen von Victor Agartz und Gerhard Weißer. Die ersten vor allem, weil sie den Anspruch erhoben, den ausländischen Teilnehmern der Tagung ein Bild von der in Westdeutschland herrschenden Lage zu geben. Es wirkt bedenklich, daß dieser Mann, der selbst Leiter dieses "Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts" ist, frischfröhlich mit falschen Zahlen und Angaben operiert, um seine doktrinären Thesen zu stützen. Für ihn stand es beispielsweise fest, daß die – Bundesrepublik im Jahre 1950 nicht mehr als 230 000 Wohnungen bauen werde – in Wirklichkeit wurden es 100 000 mehr. Bei einem Vergleich mit den Produktionszahlen früherer Jahre scheut sich Agartz nicht, die Leistungen des alten Reichsgebietes der Produktion des viel kleineren Bundesgebietes gegenüberzustellen, um so die seit 1948/49 geleistete Aufbauarbeit bei seinen unorientierten Zuhörern (und jetzigen Lesern) in einem möglichst ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Die politische Rabulistik geht bei ihm so weit, daß er bei seiner Philippika gegen die Marktwirtschaft der Bonner Regierung unterstellt, sie halte mit voller Absicht den Beschäftigungsgrad niedrig. Um den im Zeichen der Marktwirtschaft erfolgten Produktionsanstieg zu bagatellisieren, stellt er fest, daß die Erzeugungszunahme in den Investitionsgüterindustrien bis Frühjahr 1950 "vergleichsweise niedrig" gewesen sei. Sie habe, so lautet die "wissenschaftliche" Beweisführung, seit der Geldreform im Maschinenbau 14 v. H. und in der Chemie 7 v. H. betragen. Phantasie in allen Ehren – tatsächlich stieg von Juni 1948 bis März 1950 die Erzeugung der Maschinenindustrie von 42 (Produktionsstand 1936 = 100) auf 106, also um 150 v. H., und in der chemischen Industrie von 53 auf 105, also um rund 100 v. H.!

Gerhard Weißer bewegt sich auf ähnlicher Linie. Auch er zeichnet sich nicht durch Sachlichkeit aus, wie schon ein (angebliches) "Zitat" zeigt, das er in den Spalten dieser Wochenschrift "Die Zeit" gefunden haben will. Ansonsten tritt Weißer wie üblich für "revolutionierende Maßnahmen" ein, worunter nach ihm Geldschöpfungsaktionen des Zentralbanksystems zu verstehen sind. Als den geeigneten Weg hierfür glaubt er im Frühjahr 1950, eine "Offenmarktpolitik" befürworten zu sollen, wobei er offenbar verkennt, daß ein Markt durch Angebot und Nachfrage gekennzeichnet ist. Wir haben nun aber keinen offenen Kapitalmarkt, an dem die regierungsseitig ausgegebenen und zunächst von der Zentralbank (gegen Notendruck) übernommenen Wertpapiere gegebenenfalls auch wieder verkauft werden konnten

Die Forderung, "aktive Geldpolitik" in unserem Status zu betreiben, das heißt künstliche Kaufkraft zu zaubern, bildete auch das wesentliche Fazit dieser Tagung, wie das "Nachwort" der Broschüre zeigt. Da ist all das aufgeführt, was die Interventionisten eben aus Prinzip wollen. – ohne sich über die Folge Wirkungen um Tragweite der von ihnen vorgeschlagenen Eingriffe im klaren zu sein. Die Lektüre der besprochenen Schrift ist ein Schulbeispiel für das primitive Denken der meisten Planwirtschaftler, die bei der Erörterung volkswirtschaftlicher Probleme die Tatbestände fast immer in unzulässiger Weise vereinfachen und überaus wirklichkeitsfremd mit globalen Größen arbeiten (wo Diirerenzierung vonnöten wäre), weil der Denkvorgang bei ihnen ständig durch Affekte und Leidenschaften – wie etwa die Vorstellung, daß sie allein sozialethische Postulate vertreten – getrübt wird. Vollbeschäftigung ist aber doch nur sinnvoll als Realpolitik zu betreiben. Mit der Methode, daß sein muß, was Ideologen wollen, kommt man keinen Schritt weiter. H. K.