Von Hansgeorg Maier

In einem markanten Sendezyklus des Nachtprogramms unternimmt in diesen Tagen der NWDR, Kenntnis und Deutung des Werks von Franz Kafka zu aktualisieren.

Testamentarisch hatte Franz Kafka seine literarische Hinterlassenschaft dem Scheiterhaufen zugedacht. Dennoch wurde es in die Berufungsinstanz eines Nachruhms gerettet, der darauf gründet, daß in Kafkas Dichtungen real und magisch Situationen der Heimsuchung, der Qual, der leiblichen und der Gewissensfolter dominieren, wie sie das letztverwichene Jahrzehnt Millionen von Menschen zu grausiger Erfahrbarkeit verholfen hat.

Aufnahmebereitschaft und Widerhall erwiesen sich am offenkundigsten gelegentlich der Dramatisierung von Kafkas Roman "Der Prozeß", zu der Jean-Louis Barrault André Gide überredet hatte, und an der mitzuwirken Gide erst nach drei Jahren des Zögerns sich entschloß. Nach dem außerordentlichen Pariser Erfolg übernahmen Gustaf Gründgens und Boleslav Barlogs Berliner Schloßpark-Theater diese Dramatisierung, und so gelangte auf dem Umweg über das Theater, rückübersetzt aus dem Französischen ins Deutsche, Kafkas Dichtung als ausländisches Produkt in den geistigen Raum seines Ursprungs zurück – noch ehe der Neudruck des Originals in Deutschland erschien, der seit kurzem überall bei uns zu haben ist (Franz Kafka: "Der Prozeß". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 328 S., Leinen DM 11,50). In seiner Paradoxie ist der ganze Vorgang symptomatisch für das Schicksal von Kafkas Werk. Jetzt erst folgt dem Ruhm und der kaum übersetzbaren Wirkung Kafkas auf die Welt, zumal in Amerika, England, Frankreich, Italien, Schweden, die Wiederaufnahme bei denen, die ihn einst als einen der Ihren hätten leben und sterben sehen können, hätten sie, von einer Minderzahl abgesehen, schon damals, nach dem ersten Weltkrieg, von Kafka wirklich gewußt.

Seit 1933 konnte Kafkas Hinterlassenschaft in Deutschland kaum noch diskutiert werden. Die Verbrennung mißliebiger Bücher wurde Mode. Es durfte befürchtet werden, auch Kafkas Bücher würden auf den Scheiterhaufen kommen. Indessen genoß gerade sein Werk zunächst die Reservatrechte der sogenannten jüdischen Kulturautonomie. In jüdischen Buchhandlungen durften Kafkas Bücher an Leser ausgehändigt werden, die sich als Juden auswiesen. Der Berliner Schocken-Verlag bekam sogar freie Hand für eine erste Gesamtausgabe von Kafkas Schriften, die auf sechs Bände berechnet war. Vier dieser Bände lagen vor, als die Lizenz zurückgezogen wurde. Der Schocken-Verlag übersiedelte nach New York. Mit einer zweiten, kürzlich erst abgeschlossenen Gesamtausgabe, deren zehn Bände parallel im deutschen Originaltext und in englischer Übertragung herauskamen, legte er von Amerika aus den Grund zu Kafkas Weltruhm. Der Herausgeber beider Gesamtausgaben, Max Brod, brachte zuvor in Prag (bei Heinrich Mercy Sohn) Band fünf und sechs der abgebrochenen ersten Gesamtausgabe sowie seine reich dokumentierte Kafka-Biographie an den Tag. Er verließ Kafkas Geburtsstadt Prag erst, als die deutschen Panzer im März 1939 die Sudeten durchbrochen hatten. Der in letzter Stunde angetretene Fluchtweg führte mit der Eisenbahn bis Constanza, dann zu Schiff durch Dardanellen und Ägäisdies Meer nach Tel Aviv. Kafkas handschriftlicher Nachlaß wurde auf dieser Odyssee in einem Handkoffer mitgeführt. Was an Schriften Kafkas bei dessen Angehörigen in Prag und Berlin zurückgeblieben war, wurde von der Geheimen Staatspolizei vernichtet. Kafkas drei Schwestern endeten in Auschwitz.

Wenn er schrieb, hatte Kafka sein Leben "gerechtfertigt" gefühlt. Er hatte "Schreiben als Form des Gebetes" erlebt; die "fürchterliche Anstrengung und Freude", daß "alles gesagt werden kann". Scheu und von Scham gehemmt, redete er zu anderen jedoch bloß von einem "Kritzeln", das er betreibe. Von der Existenzbezogenheit jedes Wortes, das er fixierte, bedrängt, wagte er bei Lebzeiten niemals, an unbeschränkte Publikation zu denken. Als er am 3. Juni 1924 in Kierling bei Wien einundvierzigjährig der Tuberkulose erlag, hatte er ausdrücklich niedergelegt, was an Tagebüchern, Briefen, Blättern, Zeitschriftendrucken hinterbleibe, solle ungelesen und ohne Rest ins Feuer getan werden. "Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher ,Urteil‘, ‚Heizer‘, ,Verwandlung‘, ,Strafkolonie‘, Landarzt’ und die Erzählung ‚Hungerkünstler‘. (Die paar Exemplare der ‚Betrachtung‘ mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden.) Wenn ich sage, daß jene fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, daß ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden. Im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn, entspricht dies meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat." Was diese Verfügung Kafkas besagt, ermißt, wer sich vor Augen hält, daß die von ihm aufgezählten ersten fünf unter seinem Namen gedruckten Bücher schmale Bändchen, ja, drei davon dünne Heftchen jener Reihe "Vom jüngsten Tag" waren, in der Kurt Wolff dem Expressionismus eine verlegerische Tribüne geschaffen hatte. Alle fünf zusammen hätten kaum einen einzigen Band der heutigen Gesamtausgabe gefüllt.

Die "herostratische Tat", die Kafkas letzter Wille ihm gebot, hat Max Brod nicht über sich gebracht. Bald nach Kafkas Ableben gab er den Roman "Der Prozeß", dann die anderen beiden Romane "Das Schloß" und "Amerika" in Druck. Es folgte 1931 der von Max Brod und Hans Joachim Schoeps edierte Sammelband "Beim Bau der Chinesischen Mauer", der bis dahin unpublizierte Erzählungen, Prosastücke, Aphorismen umschloß. (Er ist neuerdings in Köln bei Kiepenheuer wieder aufgelegt worden. 252 S., Halbleinen DM 7.20.) Diesen Veröffentlichungen und den Bemühungen, die von Oskar Baum und Ludwig Hardt, Alfred Döblin, Willy Haas, Siegfried Kracauer, Albert Soergel, Benno von Wiese und anderen unternommen wurden, ist zunächst zu danken gewesen, daß Kafkas Werk dem Bereich des Scheiterhaufens stetig entwuchs. Aufs große hin kam dennoch in den zwanziger, den ersten dreißiger Jahren in Deutschland eine zureichende Ahnung von Kafkas Bedeutung und Größe nicht recht zur Entfaltung. Und daß 1950 eine von einem süddeutschen Universitätsprofessor insbesondere zur Uaterrichtung seiner Studenten abgefaßte "Geschichte der deutschen Dichtung" Kafka nicht einmal nennt, ist ein Signal dafür, daß sich noch keineswegs überall allzuviel geändert hat. Selbst in Ernst Jüngers "Strahlungen" wird bloß am Rinde bezüglich Kafkas notiert, er sei "in traumhaften Dämonenreichen erfahren". Demgegenüber charakterisiert André Gide in seinem "Tagebuch 1939–1942" Kafkas "Prozeß" einläßlich als "unerhörtes Buch". "Hier wäre", resümiert Gide, anders als Jünger, "viel zu lernen". Für Jean-Paul Sartre vollends scheint es eine Selbstverständlichkeit, seinen großen Essay "Was ist Literatur?" mit einer Exemplifikation an Kafka abzuschließen. (Sartres deutscher Verleger Ernst Rowohlt ist es übrigens gewesen, der Kafkas allererste Buchveröffentlichung, "Betrachtung", 1913 in Verlag nahm.)

Daß er seine Romane noch nicht selbst verbannt, daß er sie bis "nächstens" aufgehoben habe, schrieb Kafka an Max Brod, habe seinen Sinn: "Man hofft, daß sich aus diesen Stückchen ein Ganzes zusammensetzen wird, irgendeine Berufungsinstanz, an deren Brust ich werde schlagen können, wenn ich in Not bin." Wie vielleicht kein anderes Wort Kafkas unterbaut dieses jene "allertriftigsten Gründe", die Max Brod geboten, der Hinterlassenschaft Kafkas den von diesem judizierten Scheiterhaufen zu verweigern. An diese "Berufungsinstanz", im Sinne Kafkas eine unaufhörliche, in immer neu verwandelte Abstufungen und Rechtszüge sich ausweitende Instanz des Gewissens, der Schuld, möglicherweise auch der Gnade, ist jede legitime Interpretation gebunden. Daß diese "Berufungsinstanz" durch einen spontanen Gewissensentscheid des engsten Freundes Kafka angedieh, daß sie jenseits seines Todes in Kafkas Weltwirkung und Weltruhm sich gleichsam transzendent vollzieht, ist das wohl am reinsten erschütternde Paradoxon, das sich an Kafkas Gedächtnis heftet.