Seit der letzten Uraufführung eines Harian Films sind in diesen Wochen gerade sechs jähre vergangen. Sie fand damals gleichzeitig in einer "Atlantik Festung" und in Berlin statt. Der Film hieß "Kolberg", seine Tendenz: durchfialten! Die Premiere des neuesten Harlan Films steht unmittelbar bevor. Sie soll weder am Atlantik noch in Berlin, sondern möglichst unauffällig irgendwo erfolgen. Der Film heißt "Unsterbliche Geliebte" und seine Tendenz s Innerlichkeit, Liebe und Christus, der Erlöser. In den Jahren dazwischen ist der Name Veit Harlan keineswegs vergessen worden. Ohne Zweifel wäre es ihm salbst allerdings lieber gewesen, wenn er nicht so oft in den Schlagzeilen der Presse erschienen wäre. Der Grund hierfür waren seine Filme nur mittelbar, unmittelbarer Anlaß vielmehr die drei Verfahren, die nach dem (Krieg gegen Harian wegen seiner Filmtätiigkeit in der Hitler Zeit geführt wurden. Nach dem endgültigen Freispruch begann Harlan bei der Domnick Produktiion mit dem neuen Film "Unsterbliche Geliebte", frei nach Theodor Storm? Novelle "Aquis submersus". Im Dezember vorigen Jahres war der Film nahezu fertiggestellt. Da entstand eine neue Debatte um den sogenannten Fall Harlan, der diese ganze Angelegenheit nun vollends zu einem Musterbeispiel dafür machte, in welch heilloser Konfusion die Dinge sich bei uns immer noch befinden, Ausgangspunkt war diesesmal eine Kontroverse zwischen dem Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth und dem Filmprodu>z enten Domttick, Was grundsätzlich z der ganzen Sache zu sagen war, brachte "Die Zeit" am 17. März 1949 in dem Artikel "Veit Harian vor der falschen Instanz rum Ausdruck. Darin wurde die Fragwürdigkeit ja Unmöglichkeit der Harkn Prozesse festgestellt und zugleich die Forderung erhoben, daß die Öffentlichkeit die einzig richtige Instanz für Harian sei "Veit Harkwi kann ganz ohne Schwurgericht, sogar ganz ohne Entnazifizierung daran gehindert werden, in Deutschland wieder Regie zu führen. Das Urteil seiner Mitmenschen, nicht das Urteil eines Gerichts sollte hierfür entscheidend sein o Die Zeit Veit Harlans ist Nun, die "Unsterbliche Geliebte", wird trotz dem so gewiß aufgeführt werden, wie der Streit um Harlan sich jetzt auch auf seinen neuen Film gusdehnen wird. Das ist in der Tat schon geschehen. Produktion und Verleih haben ihren Plan aufgegeben, den Film in einem Groß Start herauszubringen. Er soll jetzt gleichsam von der Öffentlichkeit unbemerkt erscheinen; man hat Um bereits in verschiedenen- Test VorföhrangeQ (und vor geladenen Gästen gezeigt, Grundsätzlich müßte natürlich die politische Diskussion, um den "Fall Harlan" von seinem Film getrennt werden. Daß aber die Dinge in Deutschland anscheinend zwangsläufig neuer Verwirrung zutreiben, sobald überhaupt politische Momente mitspielen, bewies kürzlich die Vorführung des Films vor Bundestagsabgeordneten in Bonn. Die Deutsche Partei erklärte nämlich, Veit Harlan habe sich "in seinem neuen Film als der Künstler erwiesen, der durch seinen Geist hoffentlich die politischen Leidenschaften des Alltags beseitigen wird". Wirklich erschienen darauf in verschiedenen Zeitungen Artikel, in denen Harlan als der Günstling einer Partei, nämlich der DP, bezeichnet wurde.

Es ist also an der Zeit, sich nunmehr Harlans Film zuzuwenden.

Noch ehe das Licht im Kino erlischt, erklingt schon schicksalsschwangere Musik, des Lebens Freud und Leid enthaltend. Dann erscheinen in einem reiiefartigen Medaillon die Wortes weiß also gar nicht, daß er den meistdiskutierten Nachkriegsfilrn sieht. Der Film beginnt mit einer Rahmerühandkiing der Gegenwart. Auf einem Ball werden lebende "Bilder der Vergangeniheit" dargestellt. Den ersten Preis, ein Bild voa Theodor Storm, gewinnt Angelika von Holstein. Der Arzt Dr. Taimia hat sie schon den ganzen Abend nachdenklich angeschaut, weil sie ihn afl ein ailtes Gemälde erinnert. Zusammen sehen sie sich das Bild an. Von der Ähnlichkeit ist Angelika so betroffen, daß sie noch mehr wissen will. Man fährt deshalb auf die Hallig Qland hinaus, wo sich vor langen Jahren die Geschichte zugetragen hat. Ein alter Fischer erzählt sie ihnen (Zum Glück hat es Harlan unterlassen, ihn, wie ursprünglich vorgesehen, in der Maske Theodor Storms zu zeigen, Storms Novelle erzählt mit meisterhafter Kunst die Geschichte der unglücklichen Liebe zwischen Katharina von Holstein und dem jungen M ler Johannes S. Nach dem Tode des alten Grafen, der an dem Maler Vaterstelle vertrat, fürt sein Sohn Wulf ein rauhes Regiment. Er ist bösartig und sia vsa rn und verhindert die nicht standesgemäße Heirat der beiden Liebenden. Johannes muß fliehen und Katharina in ihrer Verzweiflung zurücklassen. Als er wiederkehrt, ist sie fort. Erst Jahre später findet er eine Spur von ihr. In einem Dorf an der Küste lebt sie als Frau eines finsteren Pastors, der eher einem rauhen Kriegsroana als einem ehrfürchtigen Gottesstreiter fleicht und über die Sünden seiner Mitmenschen ucht. Für seine Heirat, mit Katharina, die einem Sohn von Johannes das Leben schenkte, hat er die Pfarre bekommen. Den dramatischen Höhepunkt der Erzählung, das Wiedersehen zwischen Johannes und Katharina, drängt Storni auf knappen 25 Seiten zusammen, die so eine erregende Dichtheit gewmnen, Katharina fühlt sich dem Pfarrer in liebevoller Dankbarkeit verbunden. Während sie mit Johannes spricht, ertrinkt beider Kind in einem Wasserloch. Ohne die Geliebte wiederzusehen, malt Johannes noch das Bild des toten Kindes und fügt ihm in seiner Verzweiflung die Buchstaben C. P. A. S hinzu — Culpa patrii aquis submersus — durch Schuld Im Film ist von diesem Gehalt der Stormschen Novelle nicht viel übrig geblieben. Der Schluß wurde in ein zwar tränenreiches, aber doch glückliches Ende umgefälscht, wobei der Pfarrer auf Katharina verzichtet. Der Kitsch feiert Orgien: So, wenn das tote Kind vor dem Altar der Kirche in einer Krippe aufgebahrt wird, aus der an den nackten Füßchen wahrhaftig Stroh herausschaut. Wer es trotzdem nicht merkt, für den werden die Worte gesagt; "In einer Krippe — in Jesu Wiege liegst du Die Trauung des unglücklichen Liebespaares geht so vor sich: Johannes und Katharina knien vor dem Bild des Kindes, das auf dem Altar aufgestellt ist. Das Kruzifix wird kurzerhand beiseite geräumt. Einige Schritte hinter ihnen steht der Pfarrer, der so die beiden vermählt. Auf dem Höhepunkt, wenn jeder schicksalsschwere Worte erwartet, sagt en "Und nun habe ich noch eine Bitte; Schaut mir nicht nach!", öffnet zögernd die Tür und schließt sie ebenso langsam, wodurch die Größe des Verzichts und die Güte dieses Mannes ausgedrückt werden sollen.

Wichtige Motive sind verlorengegangen. So ist gar nicht erklärlich, weshalb der Pfarrer eigentlich ein so finsterer Mann ist. Der Fluch, der über dem Geschlecht der Holsteins liegt und nach hundert. Jahren in Wulf erneut Gestalt gefunden hat, wird nicht erwähnt. Neue Motive, die hinzugekommen sind, wirken geradezu fatal, wie etwa das Angebot der Abtreibung, das Wulf an Katharina macht.

Der Film sollte den Charakter eines Volks" liedes haben. Deshalb sind Katharinas Lieblingsvögei die Schwalben und die Musik spielt unentwegt "Wenn ich ein Vög kin war". Oberhaupt erweist gerade die Musik (Wolfgang Zeller), wie hohl und wie falsch dieser Film ist. Kein Unheil geschieht, ohne daß nicht vorher schon das Schicksal dumpf auf die Pauke haut, keine Liebesseligkeit ohne zarte Geigenklänge, Harlan hat mit Stolz gesagt, daß er eine ganze Storni Serie bereit hat. Möge der Himmel den wehrlosen ©ichtei" und äs davor b&wahrenl Der schwerste Vorwarf aber, derden Drehbuchautor und Regisseur Harlan trifft, ist der, daß er überhaupt nicht an die Kunst, sondern nur an das Publikum gedacht hat, nur daran, ob der Film "ankommt". Es ist das alte Rezept:man übertreibt etwas, damit es auch das berühmte Lieschen Müller (jene Erfindung da Produzenten zur Rechtfertigung des Kitsches) versteht und man untertreibt an anderen Stellen, damit die so=genannte Intelligenz das "Künstlerische™ empfindet. Dann ist der iKassenerfolg riahez unausbleiblich.

Der Dialog strotzt von Gemeinplätzen, Etwa so: Der Pfarrer zu Johannes: "Mußt du einmal sterben?" "Ja "Willst du sterben?" "Nein. "Du willst also nicht, was du mußt!" Und dann kommt die markerschütternde Erkenntnis über das wahre Lebensglück: "Man muß lernen, wollen zu können, was man muß " — Von der Äbtissin, einer Verwandten Katharinas, heißt es: "Sie ist fromm geworden und schließlich katholisch " Die Sprache ist zum Steinerweichen: "Die Beerdigung hat meine Nerven so wund gemacht", sagt Katharina im Jahr 1760! Hier stimmt nichts aber auch gar nichts.

Harlaos filmische Mittel sind wie die Naivitäten des kleinen Moritz, der alles wörtlich nimmt: Wenn der alte Graf stirbt, sagt er: Nur ein Flügelschlag und ich bin hinüber!" Und wirklich: kn nächsten Bild fliegen Totenschwäne so lange über der Landschaft, bis der Verblichene oben angekommen sein könnte. Oder eine andere Szene: Als das Kind ins Wasser fällt, schwenkt die Kamera nach- oben in die düsteren Wolken und der Geisterchor, der sich sonst, gottlob nur im Vorspann hören läßt, singt urplötzlich g "Und die Sonne verlor ihren Schein Das alles erinnert an eine Begebaniieitj di währid der Dreharbeiten passiert ist. Die Szene spielt in einer verqualmten Waldschenke. Jedesmal, wenn gedreht werden sollte und hierfür schon abgeläutet war, rief Harlan: Dahinten fehlt noch etwas Atmosphäre™, und dann lief der Requisiteur mit einer Räuctterpfaane durch di Dekoration Wer Veit Harlafl ntur einmal bei der Arbeit sah, wird bestätigen, daß er ein eminent schauspielerischer Regisseur ist. Ober die schauspielerischen Leistungen in Harlans Filmen ist denn das Publikum meistens auch so verblüfft, daß es ganz vergißt, über Inhalt und Sinn des Films nachzudenken. In der "Unsterblichen Geliebten ist aber nicht einmal diese Wirkung erreicht. Das versuchte Come back voa Kristina Söderbaura (Katharina) ist gründlich mißlungen, denn sie nat offenbar ganz vergessen, daß sie inzwischen auch zehn Jahre älter geworden ist. Neben ihr leiden zudem auch die übrigen Schauspieler uinter der dramaturgischen Blutarmut des DrehSf so daß man mir die vergebliche Liebesfs1 bedauern kann, die so viele Mitarbeiter (wie etwa Walter Haag mit seinen großartigen Bauten oder Werner Krien mit sauberer Photographie) auf diesen Film verwandt haben. Schließlich ist es g, noch einmal Harlans eigene Worte anzuführen: "Alle wahre Kunst hat zum Ziel, zu erlösen. Will man nun dem Publikum für die Sorgen, die es hat, eine Art künstlerische Erlösung geben, muß man sich auf seine Sorgen einstellen. Führt man es in eine Dunkelheit des Schicksals, die natürlich nicht die private Dunkelheit eines Herrn Müller oder Schulze sein darf, sondern das Allgemeine in sich trägt, dann fühlt sich der Beschauer dieses Films in seine Lebenssphäre gerissen. Und im Dunkel dieser Lebenssphäre muß man ihm ein Licht zeigen, das er selbst durch die Kraft der Liebe oder irgendeine andere Kraft z erschauen vermag " Diese Wirkung kann man aber doch um alles möglichst oft Bibelsprüche oder den Namen Gottes zitiert! Durch dieses Spekulieren auf Religiosität rückt denn der Film auch in bedrohliche Nähe des politischen "Falles Harlan". Nachdem er an typisch französische Meisterfiime erinnert hat, fährt Harlan fort; Unsterbliche Geliebte wird, wie das schon im Thema und durch die Landschaft Schleswig Holsteins begründet ist, ein charakteristisch deutscher Film sein. Ein Film muß nur wahr sein — das ist die Hauptsache, "Darauf gibt es nur die eine Antwort, daß Harlan diese Hauptsache vergessen hat! Wenner